Digitale Figurationen

Digitale Verbindungen

22/11/16 kmjan
Soziologische Konzepte und Theorien sind dazu da, gesellschaftliche Vorgänge und Entwicklungen verstehbar zu machen. Bereits einige male hatte ich hier auf die Soziologie von Norbert Elias aufmerksam gemacht. Man kann sich fragen, was denn Norbert Elias mit der Digitalisierung zu tun habe? Mit den Lebensdaten 1897 – 1990 hatte er nur im hohen Alter den Beginn  der Digitalisierung erlebt; bekannt ist er für sein Hauptwerk Der Prozeß der Zivilisation und Die höfische Gesellschaft.
Bei Elias geht es zum einen um langfristige Entwicklungen, um die Herausbildung des Habitus, um die wechselseitige Entwicklung von Individuum und Gesellschaft. Es gibt einige Parallelen zu Karl Polanyi (1886 – 1964), der mit The Great Transformation den Begriff der Transformation prägte. Zur Transformation lassen sich die Abstufungen – Konvergenz (parallele Entwicklung einzelner Elemente), Emergenz (Herausbildung neuer Strukturen) und schließlich die Transformation – auslesen*. Letztlich geht auch Digitale Transformation darauf zurück.
Figuration führte Elias erst in seinem Spätwerk als begriffliches Werkzeug ein. Gemeint sind dynamische soziale Geflechte in Verbindung stehender Individuen – damit sollte ein Gegensatz Individuum – Gesellschaft überwunden werden (vgl. Machtbalance, Figuration und Digitaler Wandel). In den 80er Jahren gab es Ansätze zu einer Figurationssoziologie, die aber nur wenig Verbreitung fanden. Seit einigen Jahren existiert an der Universität Bremen das Forschungsprogramm Kommunikative Figurationen, ausgerichtet auf medienübergreifende kommunikative Verflechtungen, ebenso wie auf medial zusammengehaltene Organisationen.
Was macht dieses Konzept für die digitale Gesellschaft interessant – und was kann Digitale Figurationen bedeuten?

Medienöffentlichkeiten figurieren sich neu
Medienöffentlichkeiten figurieren sich neu

Digitale Social Media haben die Medienöffentlichkeiten revolutioniert. Zunächst experimentell (Cyberspace), später verbanden sie im Web 2.0 die sog. Netzszene miteinander. Unterdessen haben sie sich in den meisten Milieus der Gesellschaft durchgesetzt. Was wir lange Zeit als Medienöffentlichkeiten kannten, hat sich sich in den Möglichkeiten und dann in der Nutzung radikal verändert. Die weiteren Auswirkungen beginnen wir zu  spüren.
Medienöffentlichkeiten im halbwegs modernen Sinne kennen wir seit der Zeitschriftenkultur des 18. Jahrhundert: Medien verbinden Menschen in einer gemeinsamen Öffentlichkeit miteinander, weitgehend unabhängig von räumlicher Entfernung  – translokal. Sie transportieren Wissen, Stil, Ideen und Meinungen – und sie befördern die Meinungs- und Geschmacksbildung.
Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhundert dominierten Massenmedien, beginnend mit dem Radio, später dem Fernsehen, dazu eine Vielfalt von Presseerzeugnissen. Sender und Empfänger sind klar voneinander getrennt, die Produktion der Inhalte professionalisiert. Große Medienöffentlichkeiten wurden bestimmend für eine Mehrheitsgesellschaft. Daneben  existierten immer auch kleinere, anders strukturierte, meist mit subkulturellem Charakter.
Digitale Medienöffentlichkeiten folgen den Mustern von Konnektivität und Personalisierung, wie wir sie immer wieder in digitalisierten Umgebungen finden. Konnektivität bedeutet die Möglichkeit, dass sich jeder Teilnehmer des Social Web sich mit jedem anderen und auch jeder anderen Teilöffentlichkeit verbinden kann. Personalisierung bedeutet deren jeweils passende Auswahl – ob frei gewählt oder von Algorithmen gesteuert. Das bedeutet eine Vielzahl von Verflechtungszusammenhängen – Figurationen.
Neben die Medienöffentlichkeiten treten die über Plattformen vermittelten Verflechtungen, von Dating zu Kreditvermittlung und Leistungen unterschiedlichster Art. Es bilden sich Netzwerke von Individuen, die durch Interaktionen soziale Entitäten bilden, aber kaum bislang üblichen Formen von Organisiertheit entsprechen. Sie scheinen oft informell, oft random – folgen aber zumindest ähnlichen Mustern. Auf alle diese Verflechtungen kann man  den Begriff „Digitale Figurationen“ anwenden. Verwandt ist das Konzept der Tribes, das Gruppen von Menschen, die über gemeinsame Interessen und Praktiken miteinander verbunden sind, bezeichnet.

*nach Lutz Becker (Hochschule Fresenius)

Bildquellen:.:Header: johoelken / photocase.de; oben: aussi97 / photocase.de; unten: bna / photocase.de