Digital Tribes

10/12/11 kmjan
Auf wenig andere Communities trifft die tribale Metapher postmoderner Stämme nach M. Maffesoli (vgl. Stämme im Netz) so sehr zu, wie auf Online-Gamer und die etwas weniger bekannte Demo-Szene. Es sind digitale Fankulturen par excellence, verbunden durch eine gemeinsame Ästhetik und gemeinsame Leidenschaften, vielfältig vernetzt – gelebt und aufrecht erhalten online und auf regelmässigen Events. Online-Gaming versteht sich dabei als sog. eSport und ist ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor, die Demo-Szene sieht die besten ihrer Werke als digitale Kunst.

Kürzlich hatte ich Gelegenheit  mit kundigen Insidern an zentralen Veranstaltungen beider Szenen teilzunehmen. Auf den ersten Blick überwiegen die Gemeinsamkeiten: Die Szene ist jeweils groß genug Hallen zu füllen, das zentrale Geschehen wird auf eine riesige Leinwand gebeamt, Bildschirme allüberall, es gibt einen Wettbewerb. Ebenso stimmt das äußere Erscheinungsbild der Teilnehmer weitgehend überein: in etwa derselbe Phänotypus, männlich, meist <30, Kapuzenshirts, das Geschlechterverhältnis ca. 9:1. Die Altersklassen sind aber nach oben offen, der Begriff der jugendlichen Subkultur ist weitgehend überholt.

digitale Tribes: Gaming Bundesliga (li) und Demo-Szene auf der Evoke (re.) – 2011

Das wäre es dann auch an Gemeinsamkeiten: Online-Gaming ist auf dem Weg zum Mainstream, als Freizeitbeschäftigung und im Wettbewerb. Das Konzept e-Sport steht im bewußten Gegensatz zum Klischee der dem realen Leben abgewandten Nerds und verweist auf den Wettkampf- Charakter, in dem u.a. Koordination und Reaktionsschnelligkeit gefordert sind. Die Szene ist kommerziell wohlorganisiert. Teilnehmer sind in Ladders  (normale Freizeit-Gamer), ambitionierte Amateure und Profi-Spieler gestaffelt. Im Mittelpunkt steht der Wettbewerb im Schnittfeld Unterhaltung/Internet/Sport. Die entscheidenden Wettkämpfe finden als Zuschauerveranstaltung in einer Bundesliga statt – und der Begriff ist ironiefrei gemeint: Sie werden von Co-Moderatoren kommentiert, ganz im Stile von TV-Fußballübertragungen. Bei den übergeordneten Sportverbänden findet eSport bislang noch keine Anerkennung.

Der Wettbewerb in der Demo-Szene ist hingegen ein Schaulaufen mit der Ambition zu Programmierung als Kunstform: „Es geht darum den Rechner dazu zu bringen, das coolste machen zu lassen was man je einen Rechner hat machen lassen sehen.“* Es sind Echtzeitanimationen, Kompositionen aus Code, die soundunterlegte, graphische Animationen von mehreren Minuten Länge abspielen lassen  – und ein möglichst knapper Code, bei eindrucksvoller optischer Wirkung, gilt als Königsklasse. Die Leistungsfähigkeit moderner Computer wird kaum gebraucht. C64 und Amiga sind weiterhin Werkzeuge der Wahl. Kommerzielle Ziele spielen kaum eine Rolle, allerdings werden durchaus beachtliche Preisgelder gezahlt. (Zum Kennenlernen habe ich – mit freundlicher Empfehlung des Vereins digitale Kultur – das Video *YouShould by Haujobb* das auch Einladung zur Evoke 2010 war – eingebunden, s. unten)

Hier wie dort geht es um den spielerischen Umgang mit technischen Möglichkeiten, im Wettkampf (genauso, wie bei vielen klassischen Sportarten) und bei der Kreation audiovisueller Objekte. Um wirklich teilzunehmen, braucht es einige entwickelte Fertigkeiten, die Begeisterung und ein längeres Engagement voraussetzen. Gaming und Demo-Szene haben als digital Tribes eine bereits längere Geschichte, die sie von anderen, kurzfristigeren und situationsgebunden Communities bzw. Szenen absetzt. Online-Gaming entwickelt sich zu einem weitverbreiteten Freizeitangebot, die Demo-Szene ist der Freestyle der Programmierer, ein Kompetenzreservoir der Kreativwirtschaft.

Einsatz im Detail

Bilder: eigene, links unten: Thomas Riedel * Zitat von: http://www.digitalekultur.org/de/demos.html


Hier gibt es das Video auch als download.

Kommentar verfassen