Das Digital – Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus (Rez.)

Zwei Bücher innerhalb eines halben Jahres, das ist flott. Im Oktober 2017 erschien Das Digital von Viktor Mayer- Schönberger und Thomas Ramge, Mitte März 2018 folgte Mensch und Maschine – letzteres im  Reclam Format (9,5 x 14,8 cm, <100 S.) -jackentaschenfähig.
Der grammatisch innovative Titel Das Digital knüpft an Karl Marx Das Kapital. So wie bei Marx im Zeitalter des beginnenden Industriekapitalismus der wirtschaftliche Mehrwert und seine Verteilung  im Vordergrund stand, geht es jetzt darum, diese Fragen im Übergang vom Finanzkapitalismus zum Datenkapitalismus neu zu beantworten.
Der Titel der englischen (Original-) Ausgabe Reinventing Capitalism in the Age of Big Data, ebenso wie der deutsche Untertitel (Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus) lenkt den Blick auf die gesellschaftliche Gestaltung des Datenkapitalismus. Den Autoren geht es letztlich um eine digitale soziale Marktwirtschaft.

Datenreiche Märkte verändern die Rolle, die Märkte und Geld spielen. Märkte dienen nicht nur dazu, knappe Waren auszutauschen, sie sind ein gesellschaftlicher Mechanismus, der Menschen die Möglichkeit bietet, sich untereinander effektiv und effizient zu koordinieren  (263/264).  So ist der explizit als Kernaussage des Buches genannte Satz  „Der Markt kann endlich (mit Datenreichtum) sein volles Potential entfalten“ (25) zu verstehen. Datenreiche  Märkte enthalten Informationen verschiedener Dimensionen mit ihrem jeweils eigenen Wert, sie führen Angebot und Nachfrage möglichst passgenau zusammen.

Was Skaleneffekte für die Massenproduktion, Netzwerkeffekte für die Informationswirtschaft, bedeuten Feedbackeffekte für die Wertschöpfung in datenreichen Märkten rundum künstliche Intelligenz.  Aus Daten lernende Systeme verbessern sich mit dem Imput und um nützlich zu sein, benötigt  maschinelles Lernen gewaltige Mengen an Trainings- und Feedbackdaten. Das gilt für Übersetzungsservice (z. B. Google), Bilderkennung, Autopiloten, medizinische Diagnostik und vieles mehr. Ohnehin bereits starke Unternehmen und Organisationen sind im Vorteil. Dort sammelt sich mit den Daten Handlungskompetenzen und Marktmacht an, die weit über herkömmliche Wettbewerbsvorteile hinausgehen.
Um Datenmonopolen entgegen zu wirken, befürworten die Autoren eine Datenumverteilung. Damit datenreiche Märkte nachhaltig funktionieren und die so erwirtschaftete digitale Dividende allen zukommt, sollten Datensammler zum Teilen ihrer Daten in die Pflicht genommen werden. So schlagen sie vor, dass Unternehmensabgaben in Form eines Daten-Sharings geleistet werden.

Matching, das Zusammentreffen mit dem optimalen Transaktionspartner, ist ein grosses Versprechen der Digitalisierung. Was (herkömmlicher) Markt oder Zufall nur umständlich erreichen, das ist in Datenreichen Märkten  angelegt. So  funktionieren z.B. Dating- Plattformen, ebenso wie zahllose Dienstleistungen. Nicht alle im Buch vorkommenden Beispiele überzeugen. Brauchen wir Einkaufsassistenten? B to B  oft sinnvoll, privat ist die Auswahl von Kleidung/Mode, Nahrung/des Essens, Mobiliar/Einrichtung etc. für viele ein wesentlicher Teil der Lebensgestaltung und bringt Freude, anderen nicht. Datengetriebene Auswahl, insbes. personalisierte Abo- Modelle sind ein Wunschziel des Marketing.

Im Schlußwort (266) geben sich die Autoren optimistisch: Wir glauben nicht an die düsteren Prognosen, dass datengetriebene Technologie gegen den Menschen arbeitet. Daten sind nicht kalt, wie oft behauptet, und es ist widersinnig, in der Diskussion Menschen ständig gegen Maschinen auszuspielen. Wir sind  überzeugt: Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.
Der Optimismus stützt sich auf  eine politische und gesellschaftliche Gestaltung der Datenökonomie und ihrer Rahmenbedingungen. Eine nachhaltige, gemeinschaftliche und demokratische Datenökonomie ist kein Selbstläufer.

Reclam – Format, passt in jede Jackentasche

Das zweite Buch ist ein Büchlein mit dem Elementarwissen Künstliche Intelligenz. Erschienen in der Universal- Bibliothek (Nr. 19499), der Reihe der Klassiker von Plato, Seneca und Cäsars De bello gallico bis Goethe, kennt jeder aus der Schulzeit.
KI ist die nächste Stufe der Automatisierung. Nach Autor Ramge erlebt sie gerade ihren Kitty-Hawk-Moment – ein Bild aus der Entwicklung des  Motorflugs – die Technologie hebt ab und plötzlich läuft, was lange Zeit nur eine großspurige Behauptung war (7/8), eine Art Break-even. Einiges, was bereis in Das Digital geschrieben wurde, wiederholt sich. Ansonsten kompaktes Wissen in der Westentasche. 6 € – das kann sich jeder leisten.
Künstliche Intelligenz klingt immer etwas nach Schöpfergeist und Golem, man kann dagegen den Begriff aus Daten lernende Systeme setzen, der die Grundlagen hervorhebt. Letztlich ist KI eine von Menschen gemachte Technik und Menschen werden die Entscheidungshoheit behalten.
Beide Bücher sind für jeden, der sich mit Digitaler Ökonomie oder Digitaler Zivilisation  befasst, eine wichtige und sehr nützliche Lektüre. Viele Fragen zu Funktion und Rolle  von Markt und Unternehmen werden angesprochen, dabei z.B. auch: Warum sind gerade manche datenreiche Unternehmen straff hierarchisch organisiert, geradezu Effizienzmaschinen ?
ganz nebenbei: immer wieder fällt auf, dass auch Publikationen zu digitalen Themen weiterhin gedruckt erscheinen, e-book ist bestenfalls Ergänzung. Haptische Qualitäten, Abgeschlossenheit des Werkes und kulturelle Verankerung sprechen für den Erhalt des analogen Formats. 

Victor Mayer- Schönberger  & Thomas Ramge: Das Digital -Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Econ Verlag, München 2017, 304 S., 25 €  Thomas Ramge: Mensch und Maschine. Wie künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. Reclam Verlag, Stuttgart 2018. 96 S., 6 €  Vgl. auch: Viktor Meyer- Schönberger Die Kreativwirtschaft als Pionier datenreicher Märkte. In : Hidden Values. Die Währungen der Zukunft. Herausgegeben von Creative. NRW Kompetenzzentrum Kreativwirtschaft S. 88-97   April 2018



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