Die Gesellschaft der Singularitäten (Rez.)

Soziologische Monographien der letzten Jahrzehnte  erschienen bezeichnenderweise immer wieder unter Titeln, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge spätmoderner Gesellschaften aufrollen: Risiko-, Erlebnis-, Multioptions-, Abstiegs- gesellschaft, Resonanz als Weltbeziehung etc. – bei Andreas Reckwitz geht es nun um Singularitäten als solche. Mit einigen Abstrichen befassen sich alle diese Titel mit Erscheinungen des Übergangs von der klassischen  Industriegesellschaft zur Spätmoderne, bei Ulrich Beck (Risikogesellschaft) z. B. Erste und Zweite Moderne genanntReckwitz‘  Thema ist die kulturelle Transformation von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Vorausgegangen war „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2013).

Kernthese des jetzt (10/2017) erschienenen Buches ist ein Bedeutungsverlust des Allgemeinen (d.h. auch des Konformen und Konventionellen) gegenüber dem Besonderen. An die Stelle normbildender Gleichheit, die sich vielfältig niedergeschlagen hatte, so „in Volksparteien, im keynesianischen Steuerungs- und Wohlfahrtsstaat, in Massenmedien und Fernsehkultur(Die Zeit, 4.10.17), ist das Ideal des sich selbst entfaltenden Individuums, ein expressives Selbst, das nicht nur einfach den Konventionen folgt, getreten. Träger ist die mit der Bildungsexpansion gewachsene akademisch gebildete Neue Mittelschicht mit dem Anspruch an ein gutes Leben. Kennzeichnend sind die Suche nach authentischen Erfahrungen in Beruf, Privatleben und Freizeit und einem ästhetischen und ethischen Anspruch an das eigene Leben.

Singularitätsmarkt CraftBeer

Singularisierung ist mit Kulturalisierung verbunden, d.h. Güter und Dienstleistungen werden mit Wert bedacht – valorisiert, erhalten eine narrativ- hermeneutische Dimension. Am augenfälligsten sind Singularisierungen in Lebensstil und Konsum. So beim Essen – ein Connaisseurtum wird nicht nur beim Wein gepflegt. Genuß- und andere Lebensmittel wie CraftBier, Kaffee, SchokoladeBeef, Ethnic Food etc. bieten Gelegenheit dazu. Bausteine eines singularistischen Lebensstils finden sich in den meisten Lebensbereichen: Wohnen, Reisen, Mode, in allen Sparten von Kultur und Sport, im gesellschaftlichen Engagement – und im Verhältnis zum eigenen Körper. Der Kulturbegriff ist längst so weitgefasst, dass er alle Formen von Hoch- und Popularkultur genauso umfasst, wie Alltagskulturen jeglicher Herkunft aus Gegenwart und Vergangenheit. Der Bogen reicht von Paläo- Diät  zu Industriekultur, Fußball- und Games- bis etwa zur Sneakerkultur, entscheidend ist der Anschluß an Narrationen. Handwerkliche Herstellung, Manufakturwaren erleben ein Revival. Im Kulturkapitalismus wird die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital (172).

Singularisierte Arbeit im Projektteam Bild: time. / photocase.de

In der postindustriellen (= spätmodernen) Gesellschaft transformiert sich die Arbeitswelt. In innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix. Dieser Arbeitsmarkt fordert ein möglichst einzigartiges Profil von Kompetenzen und Potentialen (182) – und deren Umsetzung in einer angemessenen Performance. Intrinsische Motivation wird erwartet. Der Mitarbeiter/Selbstunternehmer hat beständig an seiner Arbeitsmarktfähigkeit/Employability zu arbeiten. Markterfolg ist abhängig von seiner Performance mit einer in sich stimmigen Besonderheit – erstrebenswert ist eine gelungene Balance zwischen Konzentration und Lässigkeit im AuftrittHR Management kommt die Identifizierung und Förderung von Besonderheiten zu. Nebendem bestehen routinisierte und zunehmend automatisierte – profane –  Arbeiten weiter:  „Die Arbeit ist profan, wenn der Arbeitnehmer austauschbar ist (und sich selbst auch so wahrnimmt), und sie ist singulär, wenn das nicht der Fall ist.“ (185)

Von der industriellen Moderne zur Kreativ- und Wissensökonomie in der Spätmoderne

Inwieweit wird „Die Gesellschaft der Singularitäten“ dem Anspruch als Zeitdiagnose gerecht? Die Erosion der industriellen Logik, der Abschied von  einer  Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Absicherungen, Konvergenzen von Neoliberalismus und Gegenkultur waren in den letzten Dekaden immer wieder Thema. Die „Creative Economy“ ist zumindest entzaubert.
Es hat den Anschein, dass die Forderungen der sog. Künstlerkritik, die sich gegen Entfremdung im fordistischen Kapitalismus richtete – Freiheit, Autonomie, Sinn, Authentizität und auch Spaß – zumindest partiell zu einem Leitbild wurden. Kein entfremdeter Konsum und keine entfremdete Arbeit, sondern kuratierter Konsum und kuratierte Arbeit. Demgegenüber steht die Sozialkritik, die Solidarität, Sicherheit und Gleichheit einfordert.
Die Gesellschaft der Singularitäten stellt die Grundlagen und Formen des Zusammenlebens nicht von den Regeln und Normen des Allgemeinen ausgehend dar, sondern geht von der Logik der Besonderheit aus:  in Lebensstil und Konsum, auf den Märkten und dem Arbeitsmarkt, in der Erziehung und im Wettbewerb.  Gesellschaftliche Prozesse, die seit einigen Jahrzehnten stattfinden  verstärken sich mit der Digitalisierung (darin stimmt er in etwa mit Kultur der Digitalität von F. Staller überein). Kulturkapitalismus bzw. Kulturökonomisierung ist ein Schlüsselbegriff. Dienstleistungen und Güter, Erfahrungen, Räume und die eigene Arbeit werden danach valorisiert und beständig abgeglichen. Der Begriff der  Singularisierung erweist sich für diese Dynamik als geeigneter als etwa Individualisierung.  Recknitz stellt die einzelnen Felder äußerst detailreich dar und manchmal erscheinen seine Ausführungen etwas überakzentuiert. Er ist nicht wertend, im Ausblick steht aber die Frage, was denn eine singularisierte Gesellschaft – und das ist unsere – zusammenhalte.  Sein Blick richtet sich v.a. auf die Kreativ- und Wissensökonomie und in der Welt der Medien- und Kulturschaffenden, der Berater, der Start-Ups, der Food- und Reiseblogger sind die Beispiele der Kulturökonomisierung unübersehbar. Ein Buch das Zeit braucht, immerhin knapp 500 Seiten.

Wenig folgen kann ich Reckwitz allerdings dort, wo er von einer Neuen Klassengesellschaft spricht  (FAZaS, 22.10.17), in der die Neue Mittelklasse einer Alten Mittelklasse und einer Neuen Unterschicht gegenübersteht. Recknitz stuft ihren Anteil auf ca. 1/3 der Bevölkerung, in Anlehnung an vier der Sinus- Milieus. Zwar sind kulturelle Bruchlinien zu erkennen, doch sind Gemeinsamkeiten der Neuen Mittelklasse begrenzt: kulturelles Kapital, ein Ideal der Selbstverwirklichung, Zugang zu den öffentlichen Diskursen, eine mehr oder minder expressive Performance. Das Risiko der Prekarität trifft aber nicht nur eine Unterklasse. New Work schafft Macht in Unternehmen und Organisation nicht ab. Lovely jobs und lousy jobs  (s. 183) liegen oft nahe beieinander. Und spätestens auf dem Immobilienmarkt treten reale Machtunterschiede hervor.
Gelegentlich wird von einem Auseinanderfallen, gar Atomisierung der Gesellschaft gesprochen. Für die großen normsetzenden Organisationen und Milieus mag das gelten – und Reckwitz spricht beinahe nostalgisch vom Verschwinden der sozial angepassten Persönlichkeit (9), des klassischen Kleinen Mannes. Was sich verändert hat, ist die Figuration von Vergemeinschaftung und auch Vergesellschaftung. Charakteristisch sind eher sich immer wieder neu nach jeweils singulären Merkmalen zusammenfügende Teilöffentlichkeiten. Und es wird auch weiterhin Raum für ein sozial angepasstes Leben geben.
Merken sollte man sich einige Begriffe und Konzepte: die Valorisierung kultureller Praxis im weitesten Sinne. Valorisierung bedeutet zunächst eine Wertzumessung ästhetischer, ethischer oder körperlich erfahrbarer Art, schließt eine kommerzielle Verwertung aber nicht aus. Man kennt es aus der Markenbildung, von Stadtmarketing, Eventgastronomie etc.
Ebenso Serielle Singularitäten (135) – dieser Begriff kommt bei Reckwitz zwar nur am Rande vor, trifft aber m. E. die algorithmisch geschaffenen Singularitäten. Im Plural werden Singularitäten nicht zu Massengütern – sondern zu personalisierten seriellen Singularitäten.

Politische Planungs- und Steuerungsphantasien, wie sie noch die industrielle Moderne prägten,  prallen an der Gesellschaft der Sigularitäten ab (442), Politik wird immer öfter zur Moderation.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ISBN: 978-3-518-58706-5. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017    



Kultur der Digitalität (Rezension)

Fast drei Jahre Arbeit für mich, kaum ein Tag lesen für euch. Hoffentlich ein fairer Deal.“ Ganz so schnell und flüssig, wie in seinem Blog angekündigt, liest und erschliesst sich Kultur der Digitalität, immerhin 283 Seiten, des Schweizer Medienwissenschaftlers Felix Stalder nicht. Das Buch erschien bereits im Mai 2016, so wurde schon einiges dazu gesagt und geschrieben – aus unterschiedlichen Perspektiven.
Kultur ist ein Begriff mit mehreren Bedeutungsebenen. Zum einen die kulturelle Produktion und Rezeption, die sich in Sparten gliedert, zum anderen eine Art Formatierung von Gesellschaft und Teilgesellschaften – in begrifflicher Konkurrenz zu Zivilisation. In den Cultural Studies gibt es die Formel „the whole way of life of a group of people“. Wir sprechen von Hochkultur, Volkskultur, Pop(ular)kultur, von Subkulturen und Unternehmenskulturen, von Esskultur, Nutzungskultur, Kulturwirtschaft  und manchmal auch digitaler Kultur. Mit letzterer sind mal Games und andere Sparten, deren Werkstoff Software ist, mal die Standards im Umgang mit digitalen Medien und Techniken gemeint.

Kultur der Digitalität meint die von einer flächendeckenden digitalen Infrastruktur geprägte Lebens- und Arbeitswelt. Das Buch besteht aus drei Teilen: Der erste handelt von den Wegen in die Digitalität – den Voraussetzungen;  im zweiten  geht es um die Formen, erkennbare Eigenschaften die kulturelle Prozesse in der Digitalität annehmen; im dritten Teil um politische Perspektiven: Postdemokratie und Commons.
In einem Interview präzisiert Stalder seine Begrifflichkeit von Kultur als der Summe aller Aushandlungsprozesse geteilter Bedeutung: über das, was schön ist und was nicht, was erlaubt oder verboten, was wichtig und was unwichtig ist, etc. (16). Solche Prozesse finden in der gesamten Gesellschaft ebenso wie in Teilbereichen statt. Manche Themen sind abgeschlossen, andere offen bzw. umstritten. Kultur ist nichts Statisches, sondern ein Feld der Auseinandersetzung.
Digitalität ist das Muster, die Ordnung, die diese Prozesse angenommen haben. Keine einseitige Folge technischer Innovationen, die neuen Technologien trafen auf bereits laufende gesellschaftliche Transformationsprozesse (21), die in die vergangenen Jahrzehnte zurückreichen. Die Wurzeln reichen ebenso in die Neuen Sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre, wie in neoliberale Ideen und Politik. Wenn auch mit unterschiedlichem Hintergrund operierten beide mit Begriffen der persönlichen Freiheit und gesellschaftlicher Flexibilisierung.
Waren diese Entwicklungen zunächst nur in Nischen spürbar, durchdringen sie nun die Gesellschaft als Ganzes.  Digitalität verweist auf die neuen Möglichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung von Akteuren, Inhalten und Ideen, ein relationales Muster, das bestimmend wird (18). Expressivität, die Fähigkeit Eigenes zu kommunizieren (93), wird nun zu einer Kompetenz, die von allen erwartet wird, Filterung und Bedeutungszuweisung zu Alltagsanforderungen.

Digitalität

Drei kulturelle Formen der Digitalität sind zentral:
Referentialität meint die „Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion“ – wir kennen es zum einen aus Remixes, Collagen, MashUps, Coverversionen, Inszenierungen wie Cosplay: Einzelne Elemente, oft aus dem Fundus der Popkultur werden mit neuer Bedeutungszuweisung zusammengeführt.
Im Netz werden fremderstellte Inhalte kuratiert bzw. in den eigenen Kontext eingebunden, das reicht von der anmoderierten Verlinkung bei Twitter zu kuratiertem Journalismus und Content. Pinterest sowieso. 
Gemeinschaftlichkeit Die großen Mechanismen der Vergesellschaftung verlieren an Einfluß – explizite normative Zwänge nehmen ab, implizite ökonomische zu. Die einst prägenden Organisationen lassen in ihrer Bindungskraft nach – so Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Vereine. Stalder orientiert sich am empirischen Konzept der Community of Practice: informeller, aber strukturierter Austausch, gerichtet auf neue Wissens- und Handlungsmöglichkeiten, reflexive Interpretation der eigenen Praxis (136).
Immer mehr Menschen können und müssen zwar selbstverantwortlich handeln, ohne jedoch auf die Bedingungen, die soziale Textur, unter denen dies geschehen muss, Einfluss nehmen zu können. Persönliche Positionierung im eigenen Netzwerk wird bedeutsam, die Frage „Wer ist in meinem Netzwerk und was ist meine Position darin?“ (140) kommt auf. Im gelungenen Falle geht es um flexible Kooperation.
Algorithmizität Ohne auf Algorithmen beruhende automatisierte Verfahren wären die Möglichkeiten der digitalen Welt kaum nutzbar. Als automatisierte Personalisierung steuern Algorithmen Werbung, mit Zuordnungen und Sortierungen beeinflussen sie kulturelle Prozesse. Und ihre Bedeutung nimmt in immer komplexeren Vorgängen zu, z.B. in der Automobilität.
Der dritte Teil des Buches ist Ausblick mit den Kontrasten Postdemokratie und Commons. So folgt der Aufstieg der kommerziellen sozialen Massenmedien keinem technologischem Imperativ, sondern Folge einer spezifischen politisch-ökonomisch-technischen Konstellation (209).

Kultur der Digitalität ist ein weitgefasster Entwurf zur Entwicklung der digitalen Gesellschaft. Nicht im Sinne der technischen Durchsetzung – sondern dem ihrer Textur, der grundlegenden Strukturierung. Es gibt einen großen Bogen von der beginnenden Transformation bis hin zur Postdigitalität. Themen wie die Wissensökonomie, Erosion der Heteronormativität, Postkolonialismus werden behandelt. Manches entspricht dem, was anderswo als  Prozesse der  Individualisierung und Informalisierung beschrieben wird. Das Werk von Manuel Castells (Die Netzwerkgesellschaft) und das Modell des Neuen Sozialen Betriebssystems  stehen im Hintergrund.

Das grundlegende Thema bleibt die Verhandlung von sozialer Bedeutung in kulturellen Prozessen. Kultur der Digitalität lässt sich auch in Anlehnung an Norbert Elias als ein Prozess der Digitalisierung verstehen. Der Satz „Das Feld der Kultur ist von konkurrierenden Machtansprüchen und Machtdispositiven durchzogen“ (17) erinnert zumindest an das Konzept der Machtbalance.
Ausgangspunkt des Buches ist MacLuhans These vom Ende der Gutenberg-Galaxis, vom Ende des Buches als Leitmedium. Es zeugt von dessen Langlebigkeit, wenn auch solche Texte als Buch (und E-Book) erscheinen. Edition Suhrkamp kann als Referenz zu den sozial- und geisteswissenschaftlichen Autoren gelten, die in den vergangenen Jahrzehnten darüber Verbreitung fanden. Was man vermisst ist ein Literaturverzeichnis. Quellen und Zitate sind zwar mit Fussnoten gut dokumentiert, ohne ist das Querlesen  aber mühsam.

Felix Stalder, 2016: Kultur der Digitalität. edition suhrkamp 2679;  283 S., 18 € 



Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt (Rez.)

deutschland_40Zur Digitalen Transformation sind in den letzten Jahren eine ganze Reihe Bücher  erschienen – einige davon habe ich in diesem Blog besprochen: „Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ von Ralf Kreuzer & Karl-Heinz Land; Tim Cole  mit „Digitale Transformation. Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt
getan werden muss!
 – um nur die zu nennen, die Transformation bereits im Titel führen.
Tobias Kollmann (Prof. BWL u. Wirtschaftsinformatik) und Holger Schmidt (Journalist/Netzoekonom) sind seit langem als Speaker und Autoren zu digitalen Themen bekannt. Autoren empfehlen sich mit solchen Titeln als Experten und Berater – hier geht es offensichtlich um Politikberatung. Bereits der Einband kommt schwarz/rot/golden staatstragend daher. Und es geht ausdrücklich um Deutschland als führende Industrienation, die auch in der neuen Digitalen Wirtschaft ein starker Player bleiben soll.
Seitdem Web 2.0 vor einem Jahrzehnt eine ganz Netzepoche prägte, wurden immer wieder Begriffe mit Versionsnummer in den Raum gestellt. Deutschland 4.0 bezieht sich auf Industrie 4.0, ein Konzept, das von den Autoren übrigens kritisch gesehen wird (vgl. S. 166). Industrie 4.0 und davon abgeleitete Begriffe, wie Arbeit 4.0 und Bildung 4.0 gehen auf die von der Bundesregierung eingeleitete Kampagne Zukunftsprojekt Industrie 4.0, Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern zurück. „Industrie 4.0 gilt zwar als Zukunftskonzept der deutschen Industrie zur Absicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, ist aber de facto kaum verbreitet“ (nach dem Strukturreport des  Instituts der Deutschen Wirtschaft, s. S. 71).
Das Buch ist sehr strukturiert, übersichtlich gegliedert. Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit, Politik – alles 4.0 – sind die Felder von Analyse und Bestandsaufnahme, wobei Wirtschaft und Politik deutlich mehr Raum zugeteilt wird.

die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst
die erste Halbzeit der Digitalisierung verpasst

Die Geschichte ist die: Deutschland hat „die erste Halbzeit der Digitalisierung verschlafen“ (S. 64), v.a. in der Plattformökonomie hat es den Anschluß verpasst. Plattformen sind die Schlüsselstellen zumindest der aktuellen Digitalisierungswelle.
Transaktionsplattformen sind Mittler zwischen Anbietern und Kunden; Innovationsplattformen bündeln die Entwicklung von Technologien/Produkten.
Plattformen bestimmen insbes. die Spielregeln in Konsumentenmärkten und schöpfen den Großteil des Mehrwerts ab. Nicht nur Amazon und Ebay mit ihren Verkaufsplattformen, AirBnb, Uber zählen dazu, Buchungssysteme, Apple’s Plattform für Entwickler und Facebook als Plattform für Medien, auch Datingportale sind weitere Beispiele: Betreiber stellen die Struktur, auf der Angebot und Nachfrage sich in grösstmöglicher und aktuellster Auswahl finden. Branchen wie der Einzelhandel, Reisemarkt, Hotellerie, Medien, Liefer- und Transportdienste u.v.m. wurden längst von diesen Digitalisierungsschüben erfasst. Das ist die digitale Gegenwart.

Digitalisierung greift in die Kernbranchen deutscher Wirtschaft

Die nächste Digitalisierungswelle greift über auf die Kernbranchen der deutschen Wirtschaft und wird auch hier zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor (vgl. S. 69). Für diese zweite Halbzeit gilt: „Wenn Deutschland die Produktionstechnologie- Abteilung der Welt bleibt, dann haben wir viel erreicht. Auf dieses Ziel arbeiten wir hin.“ Ziel sei es, ,,auch künftig die Welt mit Maschinen zu beliefern, die aber intelligent sind„, so Siemens CTO /Russwurm (S.70). Selbstfahrende Autos, intelligente Roboter, aus der Ferne zu steuernde Maschinen, das Internet of Things (IoT), datengetriebene Industrie und 3D- Druck,  SmartHome, Fintech, E-Health sind die Themen. Letztendlich geht es um die digitale Wettbewerbsfähigkeit der klassischen Industrie, des Mittelstandes und von Start-Ups. Das ist die digitale Zukunft.
Im Kapitel Politik 4.0 werden die Anforderungen an die einzelnen Politikfelder – Infrastruktur-, Bildungs-, Wirtschafts-, Arbeits- und Europapolitik – Schritt für Schritt durchdekliniert. Hervorheben lassen sich das Bekenntnis zum Prinzip Netzneutralität, die Einbindung digitalen Wissens in den Bildungskanon, Unterstützung von Start-Ups und die digitale Aktivierung des Mittelstandes, flexible Beschäftigung und die Einbindung in eine europäische Perspektive.
Gegenüber den Ausführungen v.a. zu Wirtschaft und Politik fällt das Kapitel Gesellschaft 4.0 deutlich ab. Die Wechselwirkung von gesellschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Entwicklung, die Transformation gesellschaftlicher Systeme ist wohl ein eigenes Thema. Konzepte wie Networked Sociality und Vernetzter Individualismus kommen nicht vor.

In der bisherigen Resonanz wurde Deutschland 4.0 ziemlich einhellig positiv bewertet. Das Buch enthält in kompakter Form die wesentlichen Themen des Digitalen Wandels. Mit einem 25- Punkte Programm zur Digitalen Transformation schließt das Buch ab.
Ein wenig irritiert die durchgehende 4.0 Rhetorik. Zwar setzen sich die Autoren von Industrie 4.0 ab – doch sind die davon abgeleiteten Begriffe in allen Kapiteln präsent. 4.0 tritt uns auch in zahlreichen Publikation von Bundes- und Landesregierung NRW entgegen, zuletzt ein Weißbuch Arbeiten 4.0.  Der Begriff soll auf eine vierte industrielle Revolution verweisen – und bringt damit jeweils die Fragen mit sich, was denn nur die zweite und die dritte gewesen sei. Ob der Begriff als weitverbreiter Slogan glücklich gewählt ist, ist fraglich.
Manche Leser sehen in Deutschland 4.0. nicht nur eine Betriebsanleitung für Digitale Transformation, sondern gleich eine Bewerbungsgrundlage für regierungsamtliche Aufgaben als Minister oder Staatssekretär für Digitales – man wird sehen ….

Kollmann, Tobias & Schmidt, Holger: Deutschland 4.0 Wie die Digitale Transformation gelingt. Springer Gabler, Wiesbaden 2016, 186 S. 24,95 €.  
Nebenbei: Wenn auch Titel zur Digitalisierung vornehmlich als gedrucktes Buch verbreitet werden, dann zeigt das die Resistenz des Mediums Buch gegenüber digitaler Transformation an. 




Die große Transformation – Polanyi und die Digitalisierung

photocase6855993152093421(2)Digitale Transformation ist neben Digitalem Wandel eines der Buzzwords und seit einigen Jahren ein Leitbegriff in den Diskursen zur Digitalisierung. Während Digitaler Wandel sich weitgehend selbst erklärt, bzw. an Begriffe wie sozialen/kulturellen/wirtschaftlichen Wandel anschließt, schwingen bei der Transformation oft ungeklärte Bedeutungen mit.
Oft wird Digitale Transformation mit dem zielgerichteten Einsatz im Management gleichgesetzt, als Aufgabe jedes einzelnen Unternehmens und Anwendungsfeld von Change Management – und der Bewerbung entsprechender BeratungsleistungenSo etwa von den  digitalen Darwinisten Ralf T. Kreuzer & Karl-Heinz Land  (vgl. Rezension) mit der Definition: „Mit dem Begriff digitale Transformation wird der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten.“
Sicher ist jedes Unternehmen bestrebt, seine Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu erhalten, jede Organisation hat ein Interesse daran unter veränderten Umständen zu bestehen. Neue Akteure wollen und müssen sich auf dem Markt durchsetzen. Das macht Transformation zu einem weiten Feld von Change- und Innovationsmanagement. Der Begriff berührt aber weitere Ebenen.

Polyani Die eigentliche Herkunft des Begriffs Transformation scheint wenig bekannt zu sein, selber wurde ich von Lutz Becker (Hochschule Fresenius) darauf aufmerksam gemacht: von dem ungarisch-österreichischen Soziologen und Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1886-1964), später an der Columbia University (New York) lehrend. In seinem Werk „The Great Transformation“ (1944) geht es um die Herausbildung und Durchsetzung der Marktwirtschaft als gesellschaftlichem Organisationsprinzip in England vom 16. bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es ist eine Geschichte der Spannung zwischen Markt und Gesellschaft: double movement – self-regulation of the market – self protection of the society. Eine zentrale These lautet „Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass das Entstehen nationaler Märkte keineswegs die Folge der langsamen und spontanen Emanzipation des ökonomischen Bereichs von staatlichen Kontrollen war. Der Markt war, im Gegenteil, das Resultat einer bewussten und oft gewaltsamen Intervention von Seiten der Regierung, die der Gesellschaft die Marktorganisation aus nichtökonomischen Gründen aufzwang“ (S.331). Verstärkt wird die Spannung durch die Einbeziehung von Arbeitskraft, Boden und Geld in die Regeln des Marktes. Die Transformation der vorindustriellen Gesellschaft nach diesen Regeln bedeutete eine Verselbständigung der Ökonomie.
Polyani und sein Transformationsbegriff wurden vor einigen Jahren in der Umweltökonomie wiederentdeckt.

Auffallend sind Parallelen zu Norbert Elias: beide waren deutschsprachige Emigranten jüdischer Herkunft, beide befassten sich mit langfristigen gesellschaftlichen Prozessen und beide schließen aus der Beobachtung dieser Prozesse auf Regelhaftigkeiten. Befasst sich Elias (in seinem Hauptwerk) mit der Genese von Verhaltensstandards und der Durchsetzung staatlichen Gewaltmonopols, geht es bei Polanyi um die Durchsetzung des Prinzips der Marktwirtschaft und die Umgestaltung der Gesellschaft unter deren Primat. Taucht heute z. B. der Begriff Technogenese (u.a bei R. Kozinets) auf, dann schließt er an Sozio- und Psychogenese an – Begriffe aus der Elias’schen Soziologie.

Transformation
Transformation betrifft die großen Systeme wie Arbeit, Bildung, Mobilität

Kennzeichnend für Transformations-prozesse sind Konvergenz, Emergenz und schließlich die Transformation. Konvergenz bedeutet die parallele Entwicklung einzelner Elemente, Emergenz die Herausbildung neuer Strukturen und Transformation schließlich die Etablierung eines neustrukturierten Systems.
Die heutige Transformation erfasst große Systeme wie Arbeit, Bildung, Mobilität. Es ist die Frage, ob diese nach reinen Marktstärken oder in einem gesellschaftlichen Prozess neu ausgerichtet werden. Treibende Kraft ist die Informationswirtschaft, in ihrer Folge Mediatisierung und eine Neustrukturierung von Öffentlichkeit. Einmal eingeschlagene Innovationen sind unumkehrbar. Man spricht über Sharing-Ökonomie, Neue Mobilität, Smart Home, Industrie 4.0 und Next Economy*. Der Begriff der Digitalen Transformation beleuchtet mit diesem Hintergrund die aktuelle Entwicklung,  in seiner Verwendung wird dies nicht immer deutlich.

Im Rahmen der Internetwoche Köln (24. – 29. Oktober 2016) planen wir eine Veranstaltung zum Thema „Transformation der Systeme: Arbeit, Bildung, Mobilität, Vergemeinschaftung.“

Karl Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen (1944; dt. 1977 Europa Verlag, Wien): 1978 Suhrkamp taschenbuch wissenschaft 394 S.; Vortrag Lutz Becker auf der NEO 15, Bonn: http://de.slideshare.net/gsohn1/linuxprinzipien-fr-die-netzkonomie-neo15-session-
*Dazu die „Innovationsgesetze nach Lutz Becker
1. Innovation ist die Verbesserung von Fähigkeiten 
 im Bezug auf neue Umweltbedingungen lemlösung führt wieder zu neuen 
 Problemen 3. Alle Technologien sind Technologien des 
 Übergangs zu neuen Technologien 4. Bei allem, was technologisch möglich erscheint, arbeitet irgendwo jemand an der Realisierung 5. Es setzen sich immer die Innovationen durch,
 die das höchste Rationalsierungspotenzial haben, also Aufwand minimieren oder Nutzen maximieren;
Bildquelle (oben): bna / photocase.de

Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung (Rez.)

Nur alle Jahre wieder erreichen soziologische Titel eine größere öffentliche Resonanz – und noch seltener schaffen sie es in die Charts. Bezeichnenderweise oft solche, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge moderner Gesellschaft aufrollen: Risikogesellschaft, Erlebnisgesellschaft – und in dem vorliegenden Buch geht es darum Resonanz als Grundbegriff einer Soziologie der Weltbeziehung zu entwickeln. Das Buch erschien vor wenigen Wochen, im März 2016. Autor Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie in Jena. Bekannt wurde er mit seiner Habilitationsschrift zur sozialen Beschleunigung (2004/05: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne). Seitdem wird er oft mit dem Begriff Entschleunigung in Verbindung gebracht.
Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung„- so beginnt das Buch und beabsichtigt ist eine Soziologie des gelingenden Lebens.

Das grundlegende Verständnis ist nachvollziehbar und einfach erklärt: Resonanz macht die Verbundenheit mit der Welt fühlbar und erlebbar. Fehlt sie, fühlen wir uns fremd.

In mehreren Kapiteln geht es um die Fülle der Formen, in denen wir eine Beziehung zur Welt herstellen – von der leiblichen Basis und ihrem Ausdruck (atmen, essen und trinken, Stimme, Blick, Gesicht etc.), der Weltaneignung und Welterfahrung zu kulturell ausdifferenzierten Weltbildern. Es geht um konkrete Erfahrungs- und Handlungssphären, wie Familie und Politik, Arbeit und Sport, und um die Verheißung von Religion und Kunst. Bemerkenswert ist die Einlassung zur Religion als Vorstellung einer antwortenden (d.h. resonanten) Welt (S. 435). In diesem Sinne verspricht Religion die „Gewähr, dass die Ur-und Grundform des Daseins eine Resonanz- und keine Entfremdungsbeziehung ist“ (S. 435).
Generell bedeuten resonante Beziehungen eine Form des In-Beziehung-Tretens, die uns berührt und bewegt, in denen wir aber auch eine Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen. Resonanzachsen bezeichnet die bevorzugte Ausrichtung auf bestimmte Bezugsfelder.

Streben nach Resonanz - Bildquelle: photocase.de- kallejipp
Streben nach Resonanz — Bildquelle: photocase.de- kallejipp

Digitalisierung kommt höchstens am Rande vor, mit dem Stichwort Reichweitenvergrößerung. In einigen aktuellen Interviews äußert sich Rosa skeptisch zu Social Media, bildungsbürgerliche Vorbehalte klingen durch:Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein. Gerade deswegen sind sie so attraktiv, sie gaukeln echte Resonanz aber nur vor“ (web.de, 5.4.16). Resonanz in der digitalen Sphäre bedeutet aber mehr als quantifizierbare Likes und Bewertungsklicks. Online- Medien sind Infrastruktur in einer vernetzten globalen Öffentlichkeit, die eben auch mehr Möglichkeiten zur Bildung von Resonanzachsen bietet.  Unsere soziale Umgebung ist nicht mehr auf eine überschaubare, geordnete Welt beschränkt. Warum sollten nicht z.B. über Gaming resonante Erlebnisse entstehen? Online-Medien werden auch dazu genutzt resonante Kommunikationsstränge aufzubauen und aufrecht zu erhalten. 

816 Seiten sind viel, Weltbeziehung ein weites Feld – und das Konzept der Resonanz ein großer Wurf (Abkehr von Beschleunigung kann hingegen nach Werbung für Wellness- Oasen klingen). Das Buch enthält zahllose diskurswürdige Einzelthemen, die an ebenso viele Themenfelder anschließen. Die These von der Moderne als Geschichte einer Resonanzkatastrophe (S. 517 ff) ist zumindest zu diskutieren. Manchem Leser wird einiges esoterisch erscheinen, letztlich geht es um gefühlte Kriterien, die sich beschreiben, aber nicht messen lassen. Und manchmal hat man auch das Gefühl, das gelungene Leben sei doch in einer Jugendstilvilla zu Hause und spiele auf der Terrasse Klavier …
Spielt Resonanz eine Rolle im Digitalen Wandel? Sicherlich, das Streben nach Resonanz, nach resonanten Räumen und Beziehungen ist zutiefst menschlich und erkundet alle Räume und Möglichkeiten. Wahrscheinlich ist Resonanz genau die entscheidende – außerökonomische – Dimension, auf die es auch im digitalen Wandel ankommt. Wenn von Teilhabe am digitalen Wandel gesprochen wird, geht es im Grunde um Resonanz. Man denke z.B. an aktuelle Diskussionen zu Gamifikation: Geht es darum, spielerisch teilzuhaben – oder um den Zuckerguß auf einer Marketingkampagne?

In einem Interview der NZZ äußert sich Rosa zur Veränderung der ökonomischen Verhältnisse hin zu einer Wirtschaftsdemokratie „Ich suche nach den Konturen einer Gesellschaft, die modern bleibt im Sinne von pluralistisch, demokratisch und auch liberal, die aber nicht auf Wachstum und Beschleunigung angewiesen ist, um den ökonomischen und politischen Status quo zu erhalten. Wenn wir resonante Weltverhältnisse schaffen wollen, müssen wir die Steigerung als blindlaufenden Zwang überwinden.“ (NZZ, 11.3.16) 

Rosa, Hartmut: Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin 2016, 816 S. 34,95 €.

Innovation & Transformation (Rez.)

InnovationsstauCole_Digi_TRans

Zwei Bücher in denen es um Innovationsfähigkeit, um die „Zukunft Deutschlands als Wirtschaftsnation“ (Cole S. 197) geht.
Es gibt ein oft idealisiertes Bild der deutschen Wirtschaft. Dazu zählen die hidden champions aus der ostwestfälischen oder schwäbischen Provinz, die mit hochspezialisierten Produkten und herausragender Innovationskraft im Weltmarkt vorne stehen. Und es gibt leistungsstarke auf Effizienz getrimmte Konzerne. Zusammengehalten wird das von einer Kultur der Zuverlässigkeit und der Sachlichkeit. Das sichert dem Land Exporte aus der Produktion und den Wohlstand.
Beide Bücher lenken den Blick auf Schwachstellen der Innovationskraft hinter diesem Bild, und sehen sie u.a. in vorherrschenden Unternehmenskulturen und im Umgang mit dem Rohstoff Kreativität.
Digitale Transformation (daneben steht der Begriff Digitaler Wandel, darin sind die kulturellen und gesellschaftlichen Dimensionen einbezogen) ist ein globaler Prozess. Tim Cole bringt die einzelnen zugehörigen Themen, wie Industrie 4.0, Big Data, neue Branchen wie Video- und Musik-Streaming, Cloud Services, 3D- Druck als Fertigungsverfahren und die Customer Journey flüssig zusammen. Weiten Raum nimmt die Darstellung der neuen Rollen von Kunden, Herstellern und Mitarbeitern ein. Industrialisierung der Wissensarbeit ist ein Trend, komplexe Aufgaben werden in einfache Module zerlegt und über das Netzwerk an Personen vergeben, die die dafür notwendige Kompetenz haben (S. 177).
Trotz all dieser Änderungen gelten in der Alltagswirklichkeit oft noch die gleichen starren Regeln – und das sieht er als ein speziell deutsches Problem, an dem Arbeitgeber und -nehmer, Konsumenten und Politiker gleichsam an einer konservativen Mentalität teilhaben. Deutsche Chefs bestehen allzuoft (75% der Firmen verlangen Präsenz) auf Aufsicht und Kontrolle: Ohne Kontrolle keine Produktivität. Schließlich hat „Digitale Transformation“ auch Züge eines Ratgebers. Cole entwirft Scenarios von Marketing, Arbeit und Organisation, am Ende der Kapitel  stehen jeweils „Zehn Fragen, die Sie sich in diesem Moment stellen sollten“ – Checklisten, mit deren Hilfe Entscheider ihren Stand in der Digitalen Transformation prüfen können.

Innovationen sind manchmal einfach da Bildnachweis: kallejipp / photocase.de
Innovationen sind manchmal einfach da Bildnachweis: kallejipp / photocase.de

Jürgen Stäudtner verbindet mit Maschinenbau, Bildender Kunst und BWL Qualifikationen, die man selten zusammen findet. Er macht Ideen- und Innovationsmanagement, rollt  das Thema aus langjähriger Erfahrung auf. Es geht ihm darum, Arbeit und Wirtschaft zielführender zu gestalten, aufzuzeigen, „wie Ideen und Leidenschaft, wie Empathie für den Kunden, der Mut zum Scheitern und zur modernen Vermarktung zu Innovation führen.
Stäudtner bezieht Ansätze wie Open Innovation ein. Er zieht aber auch Schlüsse aus eigenen Beobachtungen in Arbeitsalltag und Produktentwicklung, das macht sein Buch empfehlenswert. 
Als Hemmschuh von Innovation sieht er ein teilweise oligarchisches System: Viele der in Deutschland angesammelten Vermögen sind in den Händen weniger Reicher,  denen es mehr um Erhalt von Vermögenssicherheit und der damit verbundenen Privilegien geht und die meist wenig Interesse an Investition in Innovation haben. Die Deutschen sind stolz auf technisch ausgereifte Produkte mit hohen Umwelt- und Sicherheitsstandards. Da wirkt der offensichtliche Betrug von VW bei den Abgaswerten wie ein Menetekel. Innovationen entstehen dann, wenn man mit Gewohntem bricht.

Einen Gedanken kann man beiden Büchern hinzufügen – und das ist die kulturelle und gesellschaftliche Dimension des Digitalen Wandels. Die wird nicht verschwiegen, aber sie bleiben in der Sphäre der Wirtschaft. Zukunft wird nicht allein von technischer Machbarkeit und ökonomischen Entscheidungen bestimmt. Genauso von der Attraktivät kultureller Muster.
Die Frage warum bisher kein deutsches oder europäisches Unternehmen mit einem der „Großen Vier“ (Apple, Google, Facebook, Amazon) der digitalen Welt mithalten kann, tritt immer wieder auf. Die USA haben Silicon Valley hervorgebracht, wie sie Hollywood hervorgebracht haben:  Ein riesiges Cluster global wirksamer populärer Kultur.
Zumindest drei der Großen Vier haben entscheidende Kulturtechniken der online-Welt, wie wir sie heute kennen, geprägt.  Apple blickt schon auf mehrere Jahrzehnte zurück und blieb einem Grundprinzip treu: Technik sollte intuitiv zu bedienen sein. Im Laufe der Zeit erbrachte dies eine Fülle von Innovationen, die uns heute selbstverständlich sind: den ersten ‚persönlichen Computer‘, die graphische Benutzeroberfläche, die Bedienung der SmartPhones u.v.m.  Kennzeichen all dieser Innovationen ist  plug and play – der direkte Anschluß an die Intentionen der Benutzer – von denen nicht verlangt wurde, sich weiter mit der Technik auseinander zu setzen. Dafür wurde Apple geliebt wie sonst nur Pop- Stars.
Die unprätentiöse Google– Suche machte das Internet erst wirklich als Informationsquelle nutzbar und beendete das Internet der Portale (erinnert sich noch jemand daran?). Facebook hat Social Media nicht erfunden, aber in seiner Form auf der Welt verbreitet. Das alles sind Kulturtechniken, die sich weltweit schnell verbreiteten. Sie vereinfachten und verbesserten die Nutzung der neuen online-Welt  – sie wurden niemandem aufgezwungen.

Tim Cole: Digitale Transformation: Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss! Verlag Franz Vahlen München; 2015, 24.90,  212 S. Jürgen Stäudtner: Deutschland im Innovationsstau: Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen. Books on demand ISBN:978-3-7347-6742-5;  2015, 183 S., 19.95 €;  .

Dematerialisierung und digitale Transformation (Rez.)

Dematerialisierung„Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ ist das zweite Buch des Autorengespanns Ralf T. Kreuzer & Karl-Heinz Land zum „Digitalen Darwinismus“ – der Leitbegriff meint den Selektionsprozeß, der Unternehmen und auch ganze Branchen trifft „wenn sich Technologien und die Gesellschaft schneller verändern als die Fähigkeit von Unternehmen, sich diesen Veränderungen anzupassen“ (S. 23). Vorausgegangen war 2013 „Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke. Das Think!Book„.
Erklärte Absicht der Autoren ist Agenda- Setting auf Entscheider- Ebene. Das Buch entstand um „Politik und Wirtschaft nachhaltig für die Notwendigkeit der digitalen Transformation zu sensibilisieren und robuste Schritte auf dem Weg der digitalen Transformation herauszuarbeiten„.

Die Ausführungen in sechs Kapiteln folgen 17 eingangs formulierten Kernthesen (S. 20/21). Kurz: Alles, was digitalisiert/automatisiert werden kann, wird auch digitalisiert/automatisiert; physische Produkte werden durch digitale Lösungen ersetzt, dematerialisiert,  auch kognitive Arbeitsprozesse. Jedes einzelne Unternehmen wird zum digitalen Unternehmen. Die mit der Dematerialisierung einhergehende „schöpferische Zerstörung“ wird aber nicht ausreichend Arbeitsplätze schaffen.
Dematerialisierung verläuft oft disruptiv, d.h. disruptive Innovationen brechen die Entwicklungslinien auf und verändern die Spielregeln, ersetzen bestehende Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. In vielen Branchen ist das bereits geschehen, am augenfälligsten bei der Digitalisierung der Medien – man denke an die Musikindustrie und den Wandel der Tonträger. Andere, uns selbstverständliche Dinge werden folgen: z. B. Bargeld (das ist aber eine politische Frage), Schlüssel, die wir bereits als dematerialisierte Zahlungs- oder Schließungssysteme kennen. Treiber der Dematerialisierung ist aber insbes. die Skalierbarkeit digitaler Lösungen. Technologien, die Verbesserungen mit sich bringen, setzen sich durch – und sie haben zu allen Zeiten das Leben verändert.

Wandel ist immer
Wandel bedeutet den Wechsel eingefahrener Systeme  Bild: läns / photocase.de

Es ist ein Buch zum querlesen und nachschlagen: der Lesefluss wird über die zahllosen fettgedruckten Hervorhebungen gelenkt. Auf fast jeder Doppelseite sind in Merk– und Think- Boxen Merksätze zu allen behandelten Inhalten zusammengefasst. Hinzu kommt eine Fülle von Graphiken, die im relativ kleinen Buchformat oft etwas eingezwängt wirken. Egal, wo man es aufschlägt, man ist immer mittendrin in einem Thema. Das Buch besticht durch seine Materialfülle – fast alle Themen, über die in den letzten Jahren zur Digitalisierung diskutiert wurde, kommen vor: Das Internet der Dinge und die Verbreitung von Sensoren, Arbeit 4.0., MOOCs aus der Thematik digitale Bildung, selbstfahrende Autos, die sog. Sharing Economy und vieles mehr. Dazu werden auch betriebswirtschaftliche Grundlagen, wie etwa die Senkung der Grenzkosten, erläutert.
Die Autoren sind Professor für Betriebswirtschaft bzw. Inhaber einer Unternehmensberatung. Aus dieser Perspektive ist das Buch geschrieben und das Konzept Digitaler Darwinismus lässt sich so verstehen: Unternehmen, Branchen und ganze Volkswirtschaften, die die Digitalisierung verpassen, werden verschwinden wie einst die Dinosaurier. Digitale Transformation ist die unvermeidliche Aufgabe – und die erfordert ein Change Management.  Dabei werden durchaus die Aktivitäten und Leistungsangebote der eigenen Strategieberatung Neuland herausgestellt – Sachbuchautoren empfehlen sich generell als Experten. Eine Zielgruppe sind die (oft umschwärmten) hidden champions des Deutschen Mittelstandes.
Vielen Kapiteln sind Sinnsprüche vorangestellt – Buddha, Goethe, Oscar Wilde, Walt Disney sind dabei und auch das kölsche Grundgesetz wird zitiert. Einen davon könnte man dem gesamten Buch voranstellen: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ – aus „Il Gattopardo“ von Tomaso die Lampedusa (bekannt durch die Verfilmung von L. Visconti). Gemeint sind spezielle Eigenschaften und Tugenden der deutschen Wirtschaft: Fähigkeit zu Komplexität und systemischen Denken, letztlich Zuverlässigkeit und eine exzellente Reputation als Leistungspartner und als Land insgesamt  (S. 93).

In der allg. Diskussion werden die Begriffe Digitale Transformation und Digitaler Wandel oft unscharf nebeneinander gebraucht. Kreuzer & Land definieren Digitale Transformation als Ziel eines Change Management: damit wird „der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten„.  (S. 159)
Unter Digitalem Wandel können wir hingegen den gesamten gesellschaftlichen Prozeß, der mit der Digitalisierung einhergeht, verstehen. Das erfordert neben den ökonomischen v.a. soziologische Erklärungsmodelle – etwa dem Vernetzten Individualismus.
Hat man sich ausgiebig mit „Dematerialisierung….“ befasst, wird deutlich, dass sich die Art und Weise wie sich Unternehmen, wie auch einzelne Menschen organisieren geändert hat: alle greifen auf eine ständig verfügbare Infrastruktur zurück, die mit dem jeweils erforderlichem verbindet. Dazu passt das Bild von der Playlist  als Organisationsform ebenso wie die Auffassung vom Neuen Sozialen Betriebssystem.

Ralf T.Kreuzer & Karl-Heinz Land .: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus. Köln,2015, 198 S.

Digitale Bildung

Alles was sinnvoll digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert. Das gilt für Medienformate, wie für Dienste und Branchen, die darauf zurückgreifen. Digitaler Wandel ist technologischer und gesellschaftlicher Wandel, eine Medienrevolution, die höchstens mit der Einführung des Buchdruck vergleichbar ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten Wissen zu verbreiten – Bildung ist es, der Wissensvermittlung eine Form zu geben.  Genau wie die Zukunft der Arbeit ist die Zukunft der Bildung eines der ganz großen Themen der Digitalisierung. Digitaler Wandel kann in einigen Fällen disruptiv sein und bestehende Angebote verdrängen, kann aber auch eine langfristige Entwicklung bedeuten.

Jeder ist Sender und Empfänger
Jeder ist Sender und Empfänger – und kann auch Lehrender und Lernender sein

Entscheidend sind zwei Möglichkeiten. Die Konnektivität: Jeder Teilnehmer des Social Web kann sich mit jedem anderen verbinden. Jeder kann Sender und Empfänger, Kunde und Anbieter – und auch Lehrender und Lernender sein. Die minimal nötige technische Ausstattung ist nahezu weltweit verbreitet und braucht kaum jemandem mehr  erklärt zu werden. Kommunikation im Netz ist längst nicht mehr an die Schriftform gebunden, sondern in weiten Teilen visuell. Videos, Podcasts und Life- Streaming können mit einfachen Mitteln erstellt und verbreitet werden. Erklärvideos, im Bildungsbereich oft zu Mathematik, beruhen darauf. Gut gemachte Videos ersetzen z.B. unzählige Nachhilfestunden.
Und es gibt die Möglichkeit der Personalisierung: ein Verteiler von Bildungsangeboten kann maßgeschneiderte Angebote erstellen. Ohne persönliche Daten ist Personalisierung aber nicht zu haben – genauso wenig wie ein maßgeschneiderter Anzug ohne Maße. 
E-Learning
zählt seit ca. 20 Jahren zu den verbreiteten Lernangeboten, anfangs oft mit Lern- CDs, mit dem schneller werdenden Internet online. Blended Learning verbindet online mit Präsenzveranstaltungen. Zumeist bedeutet es didaktisch aufbereitete, in Weiterbildungsangebote integrierte Lehrinhalte. Dabei wird sehr oft die (open source) Lernplattform Moodle genutzt.
Was unterscheidet die aktuellen Trends bzw. die neueren  Möglichkeiten der digitalen Bildung davon? „Klassisches“ E-Learning findet meist in geschlossenen Lerngruppen mit begrenzter Teilnehmerzahl statt. „Digitale Bildung“ richtet sich potentiell an eine unbeschränkte Nutzerzahl. Das gilt für die Erklärvideos, wie auch für Moocs – Massive Open Online Courses – für die online Verbreitung aufgezeichnete Vorlesungen, wie sie zunächst von Sebastian Thrun (Vizepräs. von Google, ehem. Prof. für KI in Stanford, Gründer der Online Akademie Udacity) – entwickelt worden sind.

In der Diskussion
In der Diskussion

Eine eingängige Einführung und Zusammenfassung aktueller Entwicklungen bietet „Die Digitale Bildungsrevolution“ von Jörg Dräger (Vorstandsmitglied der Bertelsmann- Stiftung, ehem. Bildungssenator in Hamburg) und Ralph Müller-Enselt. Mit Begeisterung vertreten die Autoren ein Leitbild Zugang für jeden und Personalisierung für alle – und sehen darin eine Demokratisierung wissenschaftlicher Bildung. Moocs stehen dabei im Vordergrund und bisher haben sich mehrere Millionen Nutzer zu solchen angemeldet, hauptsächlich in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.  Sicherlich ist die digitale Öffnung bislang limitierter Hochschulbildung insbesondere im kostenpflichtigen Bildungssystem der USA eine Innovation – und Moocs bieten einige Vorteile gegenüber Massenveranstaltungen in Hörsälen. Genauso erschliessen sie Unternehmen talentierte Mitarbeiter minder privilegierter Herkunft, das pakistanische Mädchen mit dem Berufsziel Physikerin ist da ein beliebtes Beispiel.  Personalisierung für alle bedeutet einen hohen Datenbedarf – in den Händen der Bildungsanbieter. Die Autoren thematisieren die Problematik und fordern gesetzliche Regelungen zur Datensouverainität. Dazu ’neigen digitale Märkte zu Monopolen‘ (s. S. 171).

Ob mit Moocs und personalisierten Angeboten bereits eine Bildungsrevolution beginnt, sei dahingestellt. Besonders bei der Personalisierung schimmert für mich eine Art ‚wohlmeinender Bevormundung ‚durch. Bildung ist vieles: ein riesiger Markt mit zahlreichen Akteuren mit jeweils eigenen Interessen, ein öffentlich finanziertes, zumindest reguliertes System, sie ist ein Teil der Arbeitswelt, sie ist informeller und institutioneller Wissens- und Befähigungserwerb. Letztendlich ist jede Bildung eine Frage menschlicher Kommunikation und sie ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung – nur selten führt sie bruchlos zu einem vorgesehenen Ziel. Zu allen Zeiten dienten Bildungsinstitutionen auch der Vermittlung eines jeweils speziellen Habitus – der Einheit von Haltung, Auftreten, Sprache und Geschmack – oft war es dieser Habitus, der den beruflichen Erfolg garantierte. Digitale Technik ermöglicht uns neue Kommunikationsformen und sie nimmt uns standardisierte Arbeit ab. So wird sie auch den Bildungsbereich immer stärker durchdringen. Warum sollte sich nicht jeder Teilnehmer an Bildungssystemen eigenständig Bildungsumgebungen zusammenstellen können?

Dräger, Jörg & Müller-Eiselt, Ralph.: Die Digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können, 2015, 240 S. –  Dem Beitrag liegt außerdem ein Gespräch mit Pirmin Vlaho, Gründer im Bereich Bildungsmanagement, zu Grunde