Networked Sociality – Ein neues soziales Betriebssystem

NetworkedThe New Social Operating System“ – so bezeichnen die beiden kanadisch/US- amerikanischen Soziologen Lee Rainie und Barry Wellman Networked Individualism, zu deutsch Vernetzten Individualismus, das sich durchsetzende Muster vernetzter Sozialität/Networked Sociality. Der Begriff geht auf Manuel Castells zurück: Netzwerke sind „personalisierte Gemeinschaften„, „das neue Muster der Soziabilität ist durch einen vernetzten Individualismus geprägt“ (Castells 2005, S. 141).
Vernetzter Individualismus ist keine Folgeerscheinung des Internet, die Entwicklung wird aber dadurch angetrieben: „Es ist daher nicht das Internet, das das Muster des vernetzten Individualismus schafft, sondern die Entwicklung des Internet bietet eine angemessene materielle Stütze für die Verbreitung des vernetzten Individualismus als vorherrschende Form der Soziabilität“ (Castells S. 144). Das Internet, seine Plattformen und Social Media machen es einfacher personalisierte Netzwerke zu organisieren.
Networked Sociality ist eine Konsequenz gesellschaftlicher Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte – auf individueller Wahl beruhende Netzwerke gewinnen Vorrang gegenüber traditionellen Vergemeinschaftungen, die meist an den Ort und langfristige Zugehörigkeiten gebunden waren.
Rainie und Wellman sprechen von der Triple Revolution (vgl. S. 11/12): 1) der als Social Network Revolution zusammengefasste gesellschaftliche Wandel (wie oben beschrieben), 2) die Internet Revolution (die Verbreitung und Nutzung vernetzter digitaler Kommunikation) und 3) die mobile Revolution, die das Netz von stationären Geräten löste.

Technologien setzen sich durch
Co-Evolution von Technik und Gesellschaft

Technogenese bedeutet eine Co-Evolution von Technik und Gesellschaft. Technologische Innovationen sind keine isolierten Ereignisse. Technologische Systeme entstehen gesellschaftlich  – und sind von der Kultur geprägt, die sie hervorgebracht hat – sie werden nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt.
Man bedenke, in welch kurzer Zeit (seit Ende 2007) sich das SmartPhone durchgesetzt hat. Innerhalb dieser wenigen Jahre wurde es weltweit zum nahezu unverzichtbaren Werkzeug, das den – weitgehend – permanenten Zugang zum Netz und seinen Ressourcen sichert. In vielen Ländern wurde mit dem SmartPhone die Ära des PC übersprungen. Es dient als private Medienzentrale – und auch Flüchtlingen als Navigator.
Ohne großen weiteren Aufwand kann jeder damit Medien erstellen und verbreiten – nicht nur Text und Bild, auch Ton, Video, Life- Streaming.

Entscheidende Faktoren sind Konnektivität und PersonalisierungKonnektivität bedeutet die Möglichkeit, dass jeder Teilnehmer des Social Web sich mit jedem anderen verbinden kann. Jeder kann Sender und Empfänger, Kunde und Anbieter oder auch etwa Lehrender und Lernender sein, Leistungen unterschiedlichster Art anbieten oder nachfragen.
Personalisierung (oder besser: die automatisierte Personalisierung) bedeutet die „maßgeschneiderte“ Anpassung von Angeboten. Maßgeschneiderte Personalisierungen erfordern Daten. Wir kennen es aus dem Online-Marketing und vielen anderen Beispielen. In der Diskussion zur digitalen Bildung wird sie thematisiert, im Gesundheitssystem und anderswo. Das Verfügen über große Mengen an Daten bedeutet Macht und erklärt den Einfluß der großen Internetunternehmen. Daten und automatisierte Personalisierung sind ein Treibstoff wirtschaftlicher Entwicklung, aber auch Gegenstand der umfassendsten Diskussionen im digitalen Wandel – darauf  näher einzugehen, würde den Rahman sprengen. Verweisen möchte ich auf das Buch von Michael Seemann –  „Das Neue Spiel„.

Plattformen bieten die Infrastruktur für Interaktion und Koordination  – ein weiteres umfangreiches Thema. Hinzu tritt die Query als Instrument der Datenabfrage: entscheidend ist nicht die aufgezeichnete Information, sondern deren Abfrage. Es ist das, was Michael Seemann als die Organisationsmacht der Query bezeichnet. Die Query ist die Abfrage an eine Datenbank zu zutreffenden Matchings. So können Ressourcen verknüpft und koordiniert werden. Etliche  Geschäftsmodelle beruhen darauf: So funktionieren Uber und AirBnB, Peer-to-peer Credit, Dating Apps und unzählige andere. Diese Plattformen vermitteln standardisierte Transaktionen von Anbieter zu Abnehmer, jeder kann Sender und Empfänger, Verkäufer und Kunde sein.
Ähnlich ist die Verknüpfung über gemeinsame Merkmale, Interessen, Leidenschaften – in der Sprache des Social Web ein gemeinsamer #hashtag. Für die Verbindungen, die dadurch entstehen gibt es bereits den Begriff consocial – oder, wenn wir in deutscher Schreibweise bleiben wollen, konsozial. Darüber entstehen Vergemeinschaftungen von Menschen, die über gemeinsame Interessen und Leidenschaften zusammengehalten, oft Tribes genannt. Es sind kleine soziale Einheiten, auf denen vieles im sozialen Geschehen beruht. Und sie sind es, die die „Trampelpfade“ im Social Web austreten. Entscheidend ist die gefühlte Gemeinschaft.

Mit Digitaler Transformation wird „der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten„. (S. 159 Kreuzer & Land) – ein Anwendungsfeld von Change Management.
Unter Digitalem Wandel können wir hingegen den gesamten gesellschaftlichen Prozeß, der mit der Digitalisierung einhergeht, verstehen. Das erfordert neben den ökonomischen v.a. soziologische Erklärungsmodelle – so den Vernetzten Individualismus und das Bild des Neuen Sozialen Betriebssystems. So lassen sich technologische Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel zusammenführen. Die langfristige Entwicklung, lässt u.a. auch mit der Sozologie von Norbert Elias beleuchten.

Dazu die auf der NextAct am 19.02.16 gehaltene Präsentation

 Manuel Castells: Die Internet-Galaxie: Internet, Wirtschaft und Gesellschaft, 2005 (Orig.: The Internet Galaxy: Reflections on the Internet, Business, and Society, 2001), 300 S. Wiesbaden 2005; Kozinets,Robert V.: Netnography:Redefined. SAGE Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015), 320 S.Lee Rainy & Barry Wellman (2012) Networked: The New Social Operating System. Cambridge, MA and London: MIT Press; Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. 256 S. Orange Press, Freiburg 2014, gebunden 20,-€ /28 ‚- SF; E-Book 5,- bei iRights-Media  Ralf T.Kreuzer & Karl-Heinz Land .: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus. Köln,2015, 198 S

Dematerialisierung und digitale Transformation (Rez.)

Dematerialisierung„Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ ist das zweite Buch des Autorengespanns Ralf T. Kreuzer & Karl-Heinz Land zum „Digitalen Darwinismus“ – der Leitbegriff meint den Selektionsprozeß, der Unternehmen und auch ganze Branchen trifft „wenn sich Technologien und die Gesellschaft schneller verändern als die Fähigkeit von Unternehmen, sich diesen Veränderungen anzupassen“ (S. 23). Vorausgegangen war 2013 „Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke. Das Think!Book„.
Erklärte Absicht der Autoren ist Agenda- Setting auf Entscheider- Ebene. Das Buch entstand um „Politik und Wirtschaft nachhaltig für die Notwendigkeit der digitalen Transformation zu sensibilisieren und robuste Schritte auf dem Weg der digitalen Transformation herauszuarbeiten„.

Die Ausführungen in sechs Kapiteln folgen 17 eingangs formulierten Kernthesen (S. 20/21). Kurz: Alles, was digitalisiert/automatisiert werden kann, wird auch digitalisiert/automatisiert; physische Produkte werden durch digitale Lösungen ersetzt, dematerialisiert,  auch kognitive Arbeitsprozesse. Jedes einzelne Unternehmen wird zum digitalen Unternehmen. Die mit der Dematerialisierung einhergehende „schöpferische Zerstörung“ wird aber nicht ausreichend Arbeitsplätze schaffen.
Dematerialisierung verläuft oft disruptiv, d.h. disruptive Innovationen brechen die Entwicklungslinien auf und verändern die Spielregeln, ersetzen bestehende Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. In vielen Branchen ist das bereits geschehen, am augenfälligsten bei der Digitalisierung der Medien – man denke an die Musikindustrie und den Wandel der Tonträger. Andere, uns selbstverständliche Dinge werden folgen: z. B. Bargeld (das ist aber eine politische Frage), Schlüssel, die wir bereits als dematerialisierte Zahlungs- oder Schließungssysteme kennen. Treiber der Dematerialisierung ist aber insbes. die Skalierbarkeit digitaler Lösungen. Technologien, die Verbesserungen mit sich bringen, setzen sich durch – und sie haben zu allen Zeiten das Leben verändert.

Wandel ist immer
Wandel bedeutet den Wechsel eingefahrener Systeme  Bild: läns / photocase.de

Es ist ein Buch zum querlesen und nachschlagen: der Lesefluss wird über die zahllosen fettgedruckten Hervorhebungen gelenkt. Auf fast jeder Doppelseite sind in Merk– und Think- Boxen Merksätze zu allen behandelten Inhalten zusammengefasst. Hinzu kommt eine Fülle von Graphiken, die im relativ kleinen Buchformat oft etwas eingezwängt wirken. Egal, wo man es aufschlägt, man ist immer mittendrin in einem Thema. Das Buch besticht durch seine Materialfülle – fast alle Themen, über die in den letzten Jahren zur Digitalisierung diskutiert wurde, kommen vor: Das Internet der Dinge und die Verbreitung von Sensoren, Arbeit 4.0., MOOCs aus der Thematik digitale Bildung, selbstfahrende Autos, die sog. Sharing Economy und vieles mehr. Dazu werden auch betriebswirtschaftliche Grundlagen, wie etwa die Senkung der Grenzkosten, erläutert.
Die Autoren sind Professor für Betriebswirtschaft bzw. Inhaber einer Unternehmensberatung. Aus dieser Perspektive ist das Buch geschrieben und das Konzept Digitaler Darwinismus lässt sich so verstehen: Unternehmen, Branchen und ganze Volkswirtschaften, die die Digitalisierung verpassen, werden verschwinden wie einst die Dinosaurier. Digitale Transformation ist die unvermeidliche Aufgabe – und die erfordert ein Change Management.  Dabei werden durchaus die Aktivitäten und Leistungsangebote der eigenen Strategieberatung Neuland herausgestellt – Sachbuchautoren empfehlen sich generell als Experten. Eine Zielgruppe sind die (oft umschwärmten) hidden champions des Deutschen Mittelstandes.
Vielen Kapiteln sind Sinnsprüche vorangestellt – Buddha, Goethe, Oscar Wilde, Walt Disney sind dabei und auch das kölsche Grundgesetz wird zitiert. Einen davon könnte man dem gesamten Buch voranstellen: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ – aus „Il Gattopardo“ von Tomaso die Lampedusa (bekannt durch die Verfilmung von L. Visconti). Gemeint sind spezielle Eigenschaften und Tugenden der deutschen Wirtschaft: Fähigkeit zu Komplexität und systemischen Denken, letztlich Zuverlässigkeit und eine exzellente Reputation als Leistungspartner und als Land insgesamt  (S. 93).

In der allg. Diskussion werden die Begriffe Digitale Transformation und Digitaler Wandel oft unscharf nebeneinander gebraucht. Kreuzer & Land definieren Digitale Transformation als Ziel eines Change Management: damit wird „der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten„.  (S. 159)
Unter Digitalem Wandel können wir hingegen den gesamten gesellschaftlichen Prozeß, der mit der Digitalisierung einhergeht, verstehen. Das erfordert neben den ökonomischen v.a. soziologische Erklärungsmodelle – etwa dem Vernetzten Individualismus.
Hat man sich ausgiebig mit „Dematerialisierung….“ befasst, wird deutlich, dass sich die Art und Weise wie sich Unternehmen, wie auch einzelne Menschen organisieren geändert hat: alle greifen auf eine ständig verfügbare Infrastruktur zurück, die mit dem jeweils erforderlichem verbindet. Dazu passt das Bild von der Playlist  als Organisationsform ebenso wie die Auffassung vom Neuen Sozialen Betriebssystem.

Ralf T.Kreuzer & Karl-Heinz Land .: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus. Köln,2015, 198 S.

Digitale Bildung

Alles was sinnvoll digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert. Das gilt für Medienformate, wie für Dienste und Branchen, die darauf zurückgreifen. Digitaler Wandel ist technologischer und gesellschaftlicher Wandel, eine Medienrevolution, die höchstens mit der Einführung des Buchdruck vergleichbar ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten Wissen zu verbreiten – Bildung ist es, der Wissensvermittlung eine Form zu geben.  Genau wie die Zukunft der Arbeit ist die Zukunft der Bildung eines der ganz großen Themen der Digitalisierung. Digitaler Wandel kann in einigen Fällen disruptiv sein und bestehende Angebote verdrängen, kann aber auch eine langfristige Entwicklung bedeuten.

Jeder ist Sender und Empfänger
Jeder ist Sender und Empfänger – und kann auch Lehrender und Lernender sein

Entscheidend sind zwei Möglichkeiten. Die Konnektivität: Jeder Teilnehmer des Social Web kann sich mit jedem anderen verbinden. Jeder kann Sender und Empfänger, Kunde und Anbieter – und auch Lehrender und Lernender sein. Die minimal nötige technische Ausstattung ist nahezu weltweit verbreitet und braucht kaum jemandem mehr  erklärt zu werden. Kommunikation im Netz ist längst nicht mehr an die Schriftform gebunden, sondern in weiten Teilen visuell. Videos, Podcasts und Life- Streaming können mit einfachen Mitteln erstellt und verbreitet werden. Erklärvideos, im Bildungsbereich oft zu Mathematik, beruhen darauf. Gut gemachte Videos ersetzen z.B. unzählige Nachhilfestunden.
Und es gibt die Möglichkeit der Personalisierung: ein Verteiler von Bildungsangeboten kann maßgeschneiderte Angebote erstellen. Ohne persönliche Daten ist Personalisierung aber nicht zu haben – genauso wenig wie ein maßgeschneiderter Anzug ohne Maße. 
E-Learning
zählt seit ca. 20 Jahren zu den verbreiteten Lernangeboten, anfangs oft mit Lern- CDs, mit dem schneller werdenden Internet online. Blended Learning verbindet online mit Präsenzveranstaltungen. Zumeist bedeutet es didaktisch aufbereitete, in Weiterbildungsangebote integrierte Lehrinhalte. Dabei wird sehr oft die (open source) Lernplattform Moodle genutzt.
Was unterscheidet die aktuellen Trends bzw. die neueren  Möglichkeiten der digitalen Bildung davon? „Klassisches“ E-Learning findet meist in geschlossenen Lerngruppen mit begrenzter Teilnehmerzahl statt. „Digitale Bildung“ richtet sich potentiell an eine unbeschränkte Nutzerzahl. Das gilt für die Erklärvideos, wie auch für Moocs – Massive Open Online Courses – für die online Verbreitung aufgezeichnete Vorlesungen, wie sie zunächst von Sebastian Thrun (Vizepräs. von Google, ehem. Prof. für KI in Stanford, Gründer der Online Akademie Udacity) – entwickelt worden sind.

In der Diskussion
In der Diskussion

Eine eingängige Einführung und Zusammenfassung aktueller Entwicklungen bietet „Die Digitale Bildungsrevolution“ von Jörg Dräger (Vorstandsmitglied der Bertelsmann- Stiftung, ehem. Bildungssenator in Hamburg) und Ralph Müller-Enselt. Mit Begeisterung vertreten die Autoren ein Leitbild Zugang für jeden und Personalisierung für alle – und sehen darin eine Demokratisierung wissenschaftlicher Bildung. Moocs stehen dabei im Vordergrund und bisher haben sich mehrere Millionen Nutzer zu solchen angemeldet, hauptsächlich in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.  Sicherlich ist die digitale Öffnung bislang limitierter Hochschulbildung insbesondere im kostenpflichtigen Bildungssystem der USA eine Innovation – und Moocs bieten einige Vorteile gegenüber Massenveranstaltungen in Hörsälen. Genauso erschliessen sie Unternehmen talentierte Mitarbeiter minder privilegierter Herkunft, das pakistanische Mädchen mit dem Berufsziel Physikerin ist da ein beliebtes Beispiel.  Personalisierung für alle bedeutet einen hohen Datenbedarf – in den Händen der Bildungsanbieter. Die Autoren thematisieren die Problematik und fordern gesetzliche Regelungen zur Datensouverainität. Dazu ’neigen digitale Märkte zu Monopolen‘ (s. S. 171).

Ob mit Moocs und personalisierten Angeboten bereits eine Bildungsrevolution beginnt, sei dahingestellt. Besonders bei der Personalisierung schimmert für mich eine Art ‚wohlmeinender Bevormundung ‚durch. Bildung ist vieles: ein riesiger Markt mit zahlreichen Akteuren mit jeweils eigenen Interessen, ein öffentlich finanziertes, zumindest reguliertes System, sie ist ein Teil der Arbeitswelt, sie ist informeller und institutioneller Wissens- und Befähigungserwerb. Letztendlich ist jede Bildung eine Frage menschlicher Kommunikation und sie ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung – nur selten führt sie bruchlos zu einem vorgesehenen Ziel. Zu allen Zeiten dienten Bildungsinstitutionen auch der Vermittlung eines jeweils speziellen Habitus – der Einheit von Haltung, Auftreten, Sprache und Geschmack – oft war es dieser Habitus, der den beruflichen Erfolg garantierte. Digitale Technik ermöglicht uns neue Kommunikationsformen und sie nimmt uns standardisierte Arbeit ab. So wird sie auch den Bildungsbereich immer stärker durchdringen. Warum sollte sich nicht jeder Teilnehmer an Bildungssystemen eigenständig Bildungsumgebungen zusammenstellen können?

Dräger, Jörg & Müller-Eiselt, Ralph.: Die Digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können, 2015, 240 S. –  Dem Beitrag liegt außerdem ein Gespräch mit Pirmin Vlaho, Gründer im Bereich Bildungsmanagement, zu Grunde



Machtbalance, Figuration und digitaler Wandel

In einem der letzten Beiträge hatte ich den digitalen Wandel in die Perspektive der Zivilisationstheorie von Norbert Elias gestellt. Digitaler Wandel lässt sich so als ein langfristiger Prozess verstehen, in dem technologische und gesellschaftliche Entwicklungen miteinander verknüpft sind. Digitaler Wandel bedeutet nicht, dass bestehende Strukturen in ein neues Format übersetzt werden, diese wandeln sich ebenso. Möglichkeiten und Handlungsspielräume des einzelnen verbreitern sich, werden aber auch durch neue Strukturen bestimmt. – Die Soziologie von Norbert Elias bietet zu diesen Wandlungsprozessen einige erhellende, bisher wenig beachtete Sichtweisen.

Norbert Elias (1897 - 1990)
Norbert Elias (1897 – 1990)

Verglichen mit anderen soziologischen Theoriegebäuden, wie der soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann oder der Theorie des kommunikativen Handelns nach Habermas hat das Werk von Elias wenig Wirkung in Anwendungen wie Kommunikations- und Unternehmensberatung hinterlassen. Populär wurde Elias erst in den späten 70er und 80er Jahren, v.a. als der Soziologe, der die Entwicklung der Tischsitten und das Beziehungsgeflecht der höfischen Gesellschaft beschrieb. Sein wesentliches Verdienst ist es, die langfristige Herausbildung des Habitus im Zusammenhang von Machtstrukturen deutlich gemacht zu haben.  Sprach Elias im Prozeß der Zivilisation von der Umformung von Fremdzwängen zu Selbstzwängen (ihrer Internalisierung), spricht man später von Selbstkontrolle und heute ist Selbstmanagement der passende Begriff. Die dabei entwickelten Gesetzmäßigkeiten der langfristigen Entwicklung wurden erst später von ihm publiziert, zwei Begriffe spielen eine wesentliche Rolle: Machtbalance und Figuration.

theoretische Schlüsse wurden erst später publiziert

Macht hat im Deutschen  meist eine Konnotation zu etwas absolutem, oft zu Zwang und Gewalt, man denkt an die dunkle Seite der Macht, zumindest an Herrschaft. Im französischen le pouvoir – (das Können – im Sinne der Möglichkeit) erkennt man schon eher ein relationales Verständnis. Elias verstand Macht als Beziehungsbegriff, der erst durch das Mitdenken der Gegenmächte jeder Macht verstehbar wird. Machtbalancen sind demnach überall dort vorhanden, wo eine funktionale Abhängigkeit (Interdependenz) zwischen Menschen besteht. Wie alle Beziehungen sind dies zumindest bipolare und meistens multipolare Phänomene.

Der Begriff Figuration erklärt sich daraus.  Figurationen bilden die Handlungsspielräume, innerhalb derer Individuen agieren. Im Sinne der zielgerichteten Nutzung von Möglichkeiten, ebenso wie im Hinblick auf soziale Zwänge, Barrieren und Begrenzungen, die sich aus wechselseitiger Abhängigkeit ergeben. Es sind Netzwerke von Individuen, die durch Interaktionen eine grössere soziale Einheit bilden. Gegenüber anderen Begriffen hat Figuration den Vorzug, dass die Dynamik der Interaktion einbezogen ist. Das besondere an der Elias’schen Soziologie ist die spezifische Aufhebung eines Gegensatzes Individuum – Gesellschaft. Nach Elias ist der Entstehungszusammenhang von Persönlichkeitsstrukturen und Institutionen ein einheitlicher, sich gegenseitig bedingender Prozeß.

Der Elias’sche Machtbegriff lässt sich mit dem Kapitalbegriff von Pierre Bourdieu (1930 – 2002) ergänzen. Neben das dominierende ökonomische Kapital mit Tauschwert treten soziales, kulturelles und symbolisches Kapital. Soziales Kapital bedeutet letztlich funktionierende Netzwerke, kulturelles Kapital umfasst Bildung und das im jeweiligen Umfeld anerkannte kulturelle, oft zu Distinktionszwecken gebrauchte  Wissen und  ist mit dem Habitus verbunden. Symbolisches Kapital fasst die vorhergenden als Prestige, Ruhm, Rang etc. zusammen. Gelegentlich werden weitere Ableitungen genannt – bis hin zu spirituellem oder erotischem Kapital. Ohne näher darauf einzugehen, lassen sich daraus Ressourcen von Macht im Sinne der Durchsetzung von Handlungschancen verstehen.

Bisher wurde die Elias’sche Soziologie nur selten auf den digitalen Wandel bezogen. Ausnahme ist die Verbreitung von Verhaltensstandards, die Zivilisierung des Social Web. Wer das Social Web erfolgreich nutzen will, muß mit seinem Gegenüber genauso taktvoll umgehen wie irgendwo anders. Das beginnt mit der Einführung der Netiquette und entwickelt sich in den unterschiedlichsten Teilöffentlichkeiten weiter. Zudem ist das Social Web mittlerweile auch ein visuelles Medium geworden.
Die Elias’sche Soziologie ist aber nicht auf die Entwicklung von Verhaltensstandards beschränkt. Zum einen ist der Prozess der Digitalisierung ein langfristiger Prozess, der die Verteilung von Macht und die Möglichkeiten der Individuen massiv verändert. In Anlehnung an ein Forschungsprogramm an der Universität Hamburg, Kommunikative Figurationen, kann man von Digitalen Figurationen sprechen. Menschen bilden Figurationen, die von ihren Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten geprägt sind. Das gilt für digitale Umgebungen genauso wie analoge.

Über den Prozess der Digitalisierung

Über den Prozeß der Digitalisierung – auch so kann man den Digitalen Wandel betrachten: angelehnt an den Prozeß der Zivilisation von Norbert Elias als einen langfristigen Prozess in dem sich das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft wandelt und neu geprägt wird. Es sind technologische und gesellschaftliche (bzw. kulturelle) Entwicklungen, die im digitalen Wandel miteinander verknüpft sind – mit erheblichen ökonomischen Auswirkungen. Der Begriff Technogenese verdeutlicht eine parallele Entwicklung von Technologie und Gesellschaft.

ein Klassiker langfristiger gesellschaftlicher Entwicklung

In der Elias’schen Soziologie geht es um langfristige Wandlungen von Gesellschafts – und Persönlichkeitsstrukturen – Sozio– und Psychogenese. Geschichte und Gesellschaft sind demnach ein einheitlicher Prozeß, der von handelnden Menschen gemacht wird, sich aus ihnen zusammensetzt und sie wiederum prägt. Elias hatte im wesentlichen zwei langfristige Prozesse in eine gemeinsame Perspektive gerückt: den der Staatsbildung (incl. des Gewaltmonopols) und den der Ausformung individueller Selbstkontrolle. Der Prozeß der Zivilisation ist nach ihm ein Prozeß der Disziplinierung der Individuen, der zunehmenden Unterwerfung des Verhaltens unter straffere Regulierungen.
Elias‘ Untersuchungen endeten mit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Im Anschluß daran wurde die Entwicklung der späteren Jahrzehnte, von den 60ern bis zur Jahrtausendwende, von dem niederländischen Soziologen Cas Wouters als Informalisierung beschrieben: Gegenüber strikt regulierten Verhaltenscodes haben sich Selbststeuerung, eine Emanzipation der Emotionen, Variationsspielraum, flexible Anwendung von Verhaltensregeln als neue Ideale einer bewußteren Steuerung durchgesetzt. Informalisierung ist mit Individualisierung verbunden, das Management des Selbst wird zur Aufgabe. Die neuen Ideale fließen ein in neue Verhaltensstandards.

Digitalisierung
Digitalisierung beschäftigt uns schon  seit einigen Jahrzehnten

Digitalisierung beschäftigt uns schon seit einigen Jahrzehnten – in mehreren Schüben. Man denke zurück an die Einführung der Textverarbeitung, der CD, von desktop publishing und Bildbearbeitung, electronic beats und digital games, von Navigationssystemen, an Excel und PowerPoint in der Bürowelt – und noch viele Beispiele mehr. Die Einführung     neuer Techniken war in manchen Fällen disruptiv (so z.B. in der Druckvorstufe), manchmal bescherte sie Branchen eine zwischenzeitliche Blüte, bevor sie selber wieder disruptiv ersetzt wurden (wie z.B. die CD in der Musikbranche). Andere digitale Neuerungen setzten oft auf vorhandene Strukturen. So unterschiedliche Lebenswelten, wie der Dancefloor und das Büro, wurden von diesen Schüben der Digitalisierung erfasst. Zunächst waren es Digitale Inseln, Daten wurden über magnetische (Disketten) und optische Datenträger (CDs) oder E-Mail (mit beschränkter Kapazität) zwischen Endgeräten getauscht.
Warum sprechen wir ausgerechnet jetzt vom Digitalen Wandel bzw. der Digitalen Transformation? Die Digitalisierung hat nun eine Stufe erreicht an der die Digitalen Inseln zu einem – dreht man das Bild um – digitalen Ozean geworden sind. Das Netz ist zentraler Medienverteiler und Marktplatz. Fortwährend fließen Datenmengen hinzu: aus der Online-Kommunikation, aus Aufzeichnungssystemen (GPS, Sensoren, Kameras etc.) – das, was man derzeit als BigData bezeichnet. In dem sehr lesenswerten Buch „Das Neue Spiel“ (Michael Seemann, 2014) sind die immer wirksamer werdenden Effekte ausgearbeitet: zum einen der digitale Kontrollverlust (d.h., daß sich Informationen im Digitalen nicht mehr zurückhalten lassen.), zum anderen die Macht der Query als Instrument der Datenabfrage: entscheidend ist nicht die aufgezeichnete Information, sondern deren Abfrage.

Entscheidend in der Entwicklung ist die von Lee Rainie und Barry Wellman so genannte Triple Revolution: 1) der als Social Network Revolution zusammengefasste gesellschaftliche Wandel, der in etwa mit der oben beschriebenen Informalisierung übereinstimmt. Generell ist der Rückgang traditioneller Formen von Gemeinschaft gemeint, anstelle derer individuell gestaltete Netzwerke treten, 2) die Internet Revolution (Verbreitung und Nutzung vernetzter digitaler Kommunikation) und  3) die mobile Revolution, die das Netz von stationären Geräten löste.
Die gegenwärtige Stufe des digitalen Wandels wirkt sich nicht mehr nur auf einzelne Branchen bzw. Branchencluster aus – sondern auf die Gesamtheit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organisation. Von dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett stammt das schöne Bild (wenn auch in einem etwas anderen Blickwinkel) von der Playlist als Organisationsmuster:  Organisation und Handlungsabläufe bestehen aus aneinander anschlußfähigen Teilen. Vom Individuum verlangt das ein ganz anderes Wissen und eine ganz andere Aufmerksamkeit als etwa Anpassung an Bestehendes.

Norbert Elias:  Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde. (Orig.Basel 1938) TB Frankfurt 1969; Cas Wouters:  Van Minnen en Sterven. Informalisering van omgangsvormen rond seks en dood. Amsterdam, 1990;  Lee Rainy & Barry Wellman (2012) Networked: The New Social Operating System. Cambridge, MA and London: MIT Press; Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. 256 S. Orange Press, Freiburg 2014, gebunden 20,-€ /28 ‚- SF; E-Book 5,- bei iRights-Media Jan-Hinrik Schmidt,: Linked: Vom Individuum zur Netzgemeinschaft. In: Christian Stiegler, Patrick Breitenbach, Thomas Zorbach (Hg.):New Media Culture: Mediale Phänomene der Netzkultur – Transcript Verlag,, Bielefeld 5/2015 S. 84-95  

Networked Sociality/Vernetzter Individualismus

Digitaler Wandel bedeutet nicht nur technologischen und ökonomischen Wandel, ebenso gesellschaftliche Veränderungen, die Art wie Menschen sich organisieren und ihre Beziehungen gestalten.
Sicher kann man auch Vernetzte Sozialität sagen, der Anglizismus war aber schon eher da. Networked Sociality stammt von dem deutschen, in England lebenden Kulturwissenschaftler Andreas Wittel, 2001 – demselben Jahr wie Manuel Castells Netzwerkgesellschaft. Netzwerke sind ein Gegenmodell zu hierarchisch organisierten Organisationen, in der menschlichen Geschichte gab es sie immer zu Kooperation und gegenseitiger Unterstützung. Als Gesellschaftsmodell in neuerer Zeit spricht man seit einigen Jahrzehnten davon, bei vormals alternativ genannten Szenen, in der Kulturindustrie, generell in urbanen Umgebungen – beim Übergang von der Industrie- (und manchmal auch Agrar-) zur Informationsgesellschaft. Individuelle Wahl gewinnt Vorrang vor traditioneller Sozialität. Digitalisierung ist nicht der Auslöser, treibt aber die Entwicklung an.

NetworkedVernetzter Individualismus unterscheidet sich nur geringfügig von Networked Sociality, in seiner Verwendung richtet sich der Begriff mehr auf konkrete Auswirkungen und bewußte Steuerung. Er kommt bei Manuel Castells (2005) vor, und wurde von Lee Rainie & Barry Wellman in Networked – The New Social Operating System (2012) ausgearbeitet. In einer Übersicht von 12 Grundsätzen stellen die Autoren Charakteristika heraus.
Das neue soziale Betriebssystem bedeutet einen Wandel in Sozial- und Arbeitsbeziehungen und verlangt neue Strategien und Fähigkeiten, Probleme zu lösen und Handlungen zu planen. Das gilt für einzelne, wie für Unternehmen und Organisationen. Grenzen zwischen Information, Kommunikation und Aktion verblassen. Technische und mediale Möglichkeiten werden genutzt, dabei stehen keine einzelnen Dienste im Vordergrund – entscheidend ist die Kompetenz, sich jeweils geeignete Formate nutzbar zu machen. Dazu gehören auch Sozialtechniken wie Reputationsmanagement.  

„Moving among relationships and milieus, networked individuals can fashion their own complex identities depending on their passions, beliefs, lifestyles, professional associations, work interests, hobbies, or any number of other personal characteristics“ 
(Rainie & Wellman S. 15).

Vernetzter Individualismus – ein neues soziales Betriebssystem

Vernetzter Individualismus bedeutet ein mehr an offenen sozialen Systemen und weniger geschlossene soziale Systeme. Mit der Digitalisierung erschliessen sich die Möglichkeiten von Netzwerken erst wirklich, mit immer geringeren Einschränkungen durch geographische Entfernung, sie werden nach Interessen, Wertvorstellungen, Sympathien und Projekten aufgebaut und sind oft thematisch focussiert (vgl. Castells 2000 u. 2005).
Kennzeichend für die Digitalisierung ist die individualisierte Ansprache: von einer Gesellschaft der Massenmedien zu einer der personalisierter Medien; von breitgestreuter Werbung zum personalisierten Marketing. Es ist das, was Michael Seemann (Autor „Das Neue Spiel„) als die Organisationsmacht der Query bezeichnet. Die Query ist die Abfrage an eine Datenbank zu zutreffenden Matchings. So können Ressourcen verknüpft und koordiniert werden. Etliche der neueren Geschäftsmodelle beruhen darauf: So funktionieren Uber und AirBnB, Dating Apps und unzählige andere. Diese Plattformen vermitteln standardisierte Transaktionen von Anbieter zu Abnehmer, jeder kann Sender und Empfänger, Verkäufer und Kunde sein. Ähnlich ist die Verknüpfung über gemeinsame Merkmale, Interessen, Leidenschaften – in der Sprache des Social Web ein gemeinsamer #hashtag. Für die Verbindungen, die dadurch entstehen gibt es bereits den Begriff consocial – oder, wenn wir in deutscher Schreibweise bleiben wollen, konsozial.

Denken wir 15 Jahre zurück, spielte Online-Kommunikation eine ganz andere Rolle als heute: man sprach (noch) von virtuellen sozialen Beziehungen in einer Parallelwelt,  experimentell oder beschränkt auf Informationsaustausch in Foren. In mehreren Schüben schob sie sich in den Alltag, mit der Verbreitung von SocialMedia Diensten und v.a. der Allgegenwart des mobilen Netzes. Der Prozeß der Digitalisierung reiht sich ein in andere längerfristige Entwicklungen, den der Individualisierung und der Informalisierung und den der Ablösung der Industrie- durch die Informationsgesellschaft. Strukturell ist manches vorgegeben, der Prozeß selber gestaltbar.

Manuel Castells: Die Internet-Galaxie: Internet, Wirtschaft und Gesellschaft, 2005 (Orig.: The Internet Galaxy: Reflections on the Internet, Business, and Society, 2001), 300 S. Wiesbaden 2005; Lee Rainy & Barry Wellman (2012) Networked: The New Social Operating System. Cambridge, MA and London: MIT Press; Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. 256 S. Orange Press, Freiburg 2014, gebunden 20,-€ /28 ‚- SF; E-Book 5,- bei iRights-Media Andreas Wittel,: Toward a Networked  Theory, Culture & Society December 2001 vol. 18 no. 651-76  

 

Das Neue Spiel – Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust (Rez.)

Cover_Seemann

„Es gibt fast keine Lebensbereiche mehr, die nicht von der Digitalisierung betroffen sind. Der Kontrollverlust wird sie alle betreffen…“ (S. 7) Im herkömmlichen Sinne bedeutet Kontrollverlust den Verlust der bewussten Steuerung bzw. Beherrschung des Denkens und/oder des Handelns. Das ist so bei eigener Beeinträchtigung (etwa durch Drogen- oder Alkoholkonsum, Krankheit), und dann, wenn die erlernten und bis dahin bewährten Strategien in einer veränderten Umgebung nicht mehr greifen.
Digitaler Kontrollverlust bedeutet, daß sich Informationen im Digitalen nicht mehr zurückhalten lassen. Niemand ist mehr Herr seiner eigenen Daten. Das gilt für „alle Formen der Informationskontrolle: Staatsgeheimnisse, Datenschutz, Urheberrecht, Public Relations, sowie die Komplexitätsreduktion durch Institutionen“¹. Große Organisationen haben immer darauf gesetzt Informationen zu zentralisieren, den Zugang dazu mit Regelwerken abzusichern.  So wurden Hierarchien gestützt und Prozessabläufe gesteuert. Auf der anderen Seite ging es darum, eine private Sphäre vor Zugriffen zu schützen.
Das neue Spiel: Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust“ von Michael Seemann ist bereits im Oktober 2014 erschienen und wurde durch Crowdfunding finanziert. So ist bereits viel dazu und darüber geschrieben worden. Bücher und Texte sind aber nicht zwangsläufig nach einem dreiviertel Jahr veraltet – und  Das Neue Spiel enthält Gedankengänge, die den digitalen Wandel ganz entscheidend beleuchten. Das Buch besteht aus zwei Teilen, im ersten geht es um die These vom Kontrollverlust, im zweiten um die (möglichen) neuen Spielregeln für die Zeit danach.
Digitale Daten werden nicht versendet wie Dokumente oder bewegliche Güter. Sie werden von einer Stelle an eine andere kopiert – bei jedem einzelnen Vorgang: das Internet ist eine gigantische Kopiermaschine. Zu Beginn des Jahrtausends wurde dies etwa der Musikindustrie zum Verhängnis, deren Geschäftsgrundlage durch Filesharing bedroht wurde. Die Verteidigung der Kontrolle mittels technischem Kopierschutz und juristischer Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen griff nicht. Schließlich fand der Vertrieb ein Dach auf Verkaufsplattformen wie iTunes, neuerdings auch in Musikflatrates wie Spotify. Ein frühes Beispiel disruptiven digitalen Wandels.

Daten werden erspäht
Aufzeichnungssysteme verdaten auch die physische Welt – Bild: suze / photocase.de

Angetrieben wird der Kontrollverlust von mehreren Entwicklungen:die steigende Masse an Daten durch die Allgegenwart von Aufzeichnungssystemen“ (Kameras, GPS- Tracker, Verbindungsdaten, Bewegungsmelder etc.); die steigende Agilität von Daten durch größere und günstigere Speicher und Bandbreiten – und schließlich erlauben die sich ständig verbessernden und mit mehr Rechenkraft ausgestatteten Analysemethoden immer neue Einblicke in bereits existierende Datenbestände (vgl. S. 22/23). Letzteres bezeichnen wir als Big Data.

Ist der erste Teil des Buches eine Analyse des Umbruchs Digitaler Kontrollverlust, kann man den zweiten als ein Manifest verstehen, das Regeln für das folgende, das Neue Spiel formuliert. Zehn Regeln, denen jeweils eine These vorangestellt ist. Zwei Begriffe sind hervorzuheben: Die Plattform als Infrastruktur für Interaktion und Koordination, und die Query als Instrument der Datenabfrage: entscheidend ist nicht die aufgezeichnete Information, sondern deren Abfrage. Ging es im Alten Spiel darum, wer Informationen speichert, besitzt und kontrolliert, zählt im Neuen die Fragestellung. Macht hat, wer die Plattform kontrolliert  (Regel 6) – und Zugriffe ermöglicht. Das erfordert die Neutralität der Plattform.
Auf jeden Fall ist „Das Neue Spiel“ ein originelles Buch – in dem Sinne, das Entwicklungen neu benannt und interpretiert werden. Diskussionen zu Wirtschaft und Gesellschaft können daran anschließen,  somit ist es für längere Zeit aktuell. Nicht zuletzt auch ein leidenschaftliches Pladoyer für offene Daten und Zivilgesellschaft. Auslöser von Buch und Theorie des Kontrollverlustes war u.a. die flächendeckende Überwachung durch den NSA (und andere Geheimdienste) und der Fall Edward Snowden. Die Überwachung ist Teil des Spiels und man wird lernen müssen, damit zu leben – und auch weitgehend ohne den rechtlichen Schutz (in etwa die Positionen von Post Privacy):
„Wenn der Datenschutz seine Vorstellungen von “Personenbezug” durchsetzt, erweitert er seine Kompetenzen auf beinahe Alles. Dann wird er entweder totalitär oder wird an dieser Stelle schlicht und ergreifend ebenso armselig scheitern²….“

Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. 256 S. Orange Press, Freiburg 2014, gebunden 20,-€ /28 ‚- SF
E-Book 5,- bei iRights-Media

¹: http://www.ctrl-verlust.net/glossar/kontrollverlust ² :http://www.ctrl-verlust.net/grechenfrage-big-data/

Netzwerk- vs Plattformgesellschaft

Netzwerke
Netzwerke sind der Lieblingsbegriff der digitalen Moderne

Das Netzwerk ist der Lieblingsbegriff der digitalen Moderne – in der technischen Infrastruktur wie in der sozialen Organisation. Es steht für eine dezentrale Perspektive von Wirtschaft und Gesellschaft. Gutes Netzwerken gilt als Voraussetzung für Erfolg. Blickt man ein paar Jahrzehnte zurück, war der Netzwerkgedanke in den Alternativbewegungen der 70er und 80er Jahre das herrschaftsfreie Gegenmodell (zumindest strebte man das an) zu einer hierarchisch organisierten Wirtschaft. Netzwerkgesellschaft war auch der Titel des ersten Bandes der Trilogie  „Das Informationszeitalter“ (1996; dt. 2001) des in Berkeley lehrenden spanischen Soziologen Manuel Castells. Castells analysierte die CatellsInformationsgesellschaft als Nachfolgerin der Industriegesellschaft, die (zumindest in ihrer klassischen Form) hierarchisch-bürokratisch organisiert ist.
Seit Erscheinen liegen mittlerweile etwa anderthalb Jahrzehnte zurück, die Themen sind aktuell geblieben. Netzwerkgesellschaft bedeutet eine neue soziale Morphologie, die Verbreitung der Vernetzungslogik verändert Prozesse der Produktion, Erfahrung, Macht und Kultur (vgl. S. 527). Netzwerke sind „personalisierte Gemeinschaften„, das neue Muster der Soziabilität ist durch einen vernetzten Individualismus geprägt (vgl. Castells 2005, S. 141).
Technologische Innovation ist kein isoliertes Ereignis, technologische Systeme entstehen gesellschaftlich – und sind von der Kultur geprägt, die sie hervorgebracht hat. Innovation findet dort statt, wo die wissenschaftlichen, technischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Voraussetzungen  gegeben sind.
Zahlreiche Kräfte wirken ein: Bedürfnisse der Wirtschaft nach flexiblem Management, die Globalisierung von Produktion, Kapital und Handel, zivilgesellschaftlicher Wille zu individueller Freiheit und offener Kommunikation,  unternehmerisches Streben nach Gewinn, der staatliche Wunsch nach Kontrolle. Zugang und Ausschluß zu den Netzwerken wird zu einem immer entscheidenderen Faktor – und irgendwann zum Problem derer, die nicht daran teilhaben. Die Frage nach der faktischen Kontrolle des Zugangs wird zu einer entscheidenden Frage.

Plattformen treten uns im Netz in verschiedener Form entgegen: in den großen Social Media Plattformen, wie Facebook, youtube, Twitter, instagram, LinkedIn etc., ebay und amazon marketplace als Handelsplattformen für jedermann. Seit neuerem in der sich bildenden Sharing Economy: airbnb (Übernachtungen) und Uber (Fahrservice) als derzeit bekannteste Beispiele, dazu aber auch Kreditvermittlung von privat zu privat, wie auxmoney, Car Sharing, Transportdienste nach dem Muster von Uber und manches andere.
Plattformen sind Verteilerstellen – die Bedeutung ist im Englischen viel weiter gefasst, so ist platform auch der Bahnsteig – sie standardisieren Zugänge und machen erst viele Möglichkeiten von Netzwerken nutzbar und ermöglichen neue. In der Diskussion dazu wird aber immer wieder ein Unbehagen erkennbar, dahinter stehen stille Befürchtungen neuer Machtstrukturen, nach einer faktischen Kontrolle der Zugänge. Im  Einfluß und Gewinn bringenden Teil der Netz- Ökonomie dominieren wenige Unternehmen. Das Potential einer Sharing Economy ist noch unerschlossen. Tempogeber bleiben die Cluster der amerikanischen Westküste. Zu allen Zeiten haben aber neue Möglichkeiten auch neue Geschäftsfelder eröffnet. Als Ausblick bleibt die Macht der Ströme gewinnt Vorrang gegenüber den Strömen der Macht“ (Castells, 2001, S. 527).

weiterführend: Manuel Castells: Die Netzwerkgesellschaft. Teil 1 der Trilogie „Das Informationszeitalter“, Opladen 2001 (Orig. 1996); Manuel Castells: Die Internet-Galaxie: Internet, Wirtschaft und Gesellschaft, 2005 (Orig.: The Internet Galaxy: Reflections on the Internet, Business, and Society, 2001), 300 S. Wiesbaden 2005;  Sebastian Giessmann: Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netzwerke, 512 S., Berlin 2014;   Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. Freiburg 2014