10 Gründe … Social Media Accounts zu löschen (Rez.)

Im letzten Blogbeitrag 10 Jahre Social Media kam ich bereits auf das Buch von Jaron Lanier zu sprechen.
Zehn Gründe – Bücher sind an sich eine Unterabteilung der Ratgeberbranche. Meist geht es um einen zu unternehmenden, entscheidenden Schritt in der Lebensgestaltung, zu dem dann 10 Gründe abgearbeitet werden.
Was Jaron Laniers  Buch „Zehn Gründe … “ (ganz ausgeschrieben: „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst„) davon heraushebt, ist seine Rezeption. Die internationale, fast noch mehr die deutsche Ausgabe wurde breit in sog. Qualitätsmedien rezensiert, im Guardian, Deutschlandradio, der Zeit, FAZ etc. – und das durchweg positiv. Dazu einige  Interviews, so in der Zeit. Der Verlag Hoffmann & Campe bewirbt Lanier als Tech-Guru und Vordenker des Internet. Bereits 2014 wurde Lanier der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, mehr geht eigentlich nicht.

Zehn Gründe … “ ist ein Rant, eine Art Brandrede, Beschimpfung, Streitschrift nennt es die FAZ, gegen BUMMER (Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent) und es wird wenig ausgelassen. BUMMER meint eine toxische Seite des Social Web und Lanier will den Begriff für das von ihm beschriebene destruktive Geschäftsmodell (41) der Arschloch- Herrschaft einführen, so zieht es sich durch das ganze Buch. Komponenten von BUMMER sind Arschloch- Herrschaft, totale Überwachung, aufgezwungene Inhalte, Verhaltensmodifikationen, ein perverses Geschäftsmodell, Fake People  (39-58).  Harte, aggressive und polemische Worte. Gemeint sind v. a. Facebook und Google, in geringerem Maße Twitter. LinkedIn wird  ausgenommen, die Leute dort haben etwas anderes zu tun, als sozialen Eindruck zu schinden (74; Zufall, dass Lanier für Microsoft arbeitet?). 

Das Buch wirkt schnell heruntergeschrieben, manchmal etwas wirr und ein wenig fremd im feinen Hardcover von Hoffmann & Campe. Vieles lässt sich einfach relativieren: Wenn sich im Internet Leute merkwürdig und boshaft benehmen (45) dann kann das viele Ursachen haben, die in der Person oder der Umgebung liegen. Dass die Ausgaben der digitalen Werbeindustrie dazu dienen unser Verhalten, ähnlich wie TV- Spots zu beeinflussen (37) – eine Selbstverständlichkeit. Medien haben grundsätzlich ein Manipulationspotential. Suchtpotential wurde neu auftauchenden Medien immer wieder vorgehalten. Ist Donald Trump twittersüchtig? Toxisches Medium oder toxische Persönlichkeit?
Alles in allem Darstellungen, die Nutzer als Objekte bis Opfer toxischer Medien und ihrer Betreiber zeigen. Social Media gibt es bereits länger, und es gibt viele Menschen, die seitdem gelernt haben, sie zu ihrem Nutzen und ihrer Zufriedenheit zu führen. 

eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit; Bild: photocase.de/kallejipp

Interessanter als das Buch selber ist die Resonanz und ihre Hintergründe: Das deutsche Feuilleton holt sich einen Dissidenten aus Silicon Valley der dem Durchschnitts- Amerikaner klarmachen will, dass und wie er in den Social Media verarscht wird, so in etwa ließe sich die Resonanz einstufen. Generell gibt es wohl eine Befürchtung des Verlustes von Deutungshoheit, das lässt Fundamentalkritiker von Social Media als Mahner und Warner willkommen heißen.  Spätestens mit der Trump Wahl hat sich zudem der Blick darauf verändert, und richtet sich auf deren Manipulationspotential.  Brachte man 2011 Social Media mit dem Arabischen Frühling in Verbindung, verbindet man sie heute oft mit populistischen Strömungen, die sich in Filterblasen und Echokammern anfeuern. Sicher ist, dass Social Media allen möglichen Strömungen als Infrastruktur dienen. Verstärkt wird das Mißtrauen durch das selbstbewußte Auftreten von Mark Zuckerberg vor den Parlamenten in Washington und Brüssel und insbes. den Cambridge Analytica Skandal  (wird in einem Nachtrag  vermerkt; 9).

Es gibt viele Gründe und Argumente, Social Media Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle – Datensammlung und darauf beruhende personalisierte Werbung – und ihre Machtanhäufung zu kritisieren. Zur aktuellen Diskussion dazu, die in vielem viel weiter ist, trägt „10 Gründe…“ wenig bei. Das Buch ist fixiert auf BUMMER, dreht sich um die Ambitionen des Silicon Valley – und ist selber nicht frei von dessen Größenwahn, wie es in dem Satz „die Welt verändert sich rapide unter unserem Kommando“ (42) durchscheint.

Wäre denn tatsächlich ein Internet ohne Werbewirtschaft denkbar?  Werbung und Marketing gehen dahin, wo die Menschen sind – und sie wollen ihre Zielgruppen mit möglichst wenig Streuverlusten ansprechen. Hätte sich die Werbewirtschaft jemals die Möglichkeiten des Netzes entgehen lassen?  Das gilt nicht nur für Großunternehmen. 

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum Du Deine Social Media Accounts sofort löschen musst. 2018,  204 S.



Das Kapital sind wir. Zur Kritik der Digitalen Ökonomie (Rezension)

Das Kapital sind wir von Timo Daum erschien bereits im Herbst 2017, aber erst auf der re-publica 18 wurde ich darauf aufmerksam.  Das Buch hält weitgehend, was der Titel verspricht – zudem ist es so flüssig geschrieben, dass man es an beinahe jeder Stelle aufschlagen und in den Text einsteigen kann.
Der Kapitalismus hat sich als Digitaler Kapitalismus neu erfunden. Ein neues Akkumulationsmodell hat sich herausgebildet und das fordistische Modell von Massenproduktion und -komsum abgelöst. Dem neuen Modell  gelingt es,  die gesamte Gesellschaft mit ihren Gedanken und Tätigkeiten in den Dienst zu nehmen und mit Information, Algoritmen und User Generated Content Geld zu verdienen (21/22). Freier Austausch wird ermöglicht – und gleichzeitig kommerziell als Rohstoff genutzt. Soweit bekannt, und so in etwa der Einstieg.

Ähnlich wie Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge in Das Digital nimmt Timo Daum bezug auf Karl Marx. Was hätte Marx zum Digitalen Kapitalismus gesagt? steht als rhetorische Frage im Hintergrund.
Bei Ramge und Mayer- Schönberger steht das Konzept der Datenreichen Märkte als Voraussetzung der Nutzung und Verbreitung von KI im Vordergrund – eine Perspektive, die grundlegend bejaht wird. Problem bleibt das Ungleichgewicht bei der Verteilung der Digitalen Dividende.

Die Digitale Vermessung der Welt erfasst immer mehr Lebensbereiche (Bild: kallejipp photocase.de)

Daum greift die ganze Breite von Themen auf, die seit längerem zum Netz, zur Digitalisierung und dem damit verbundenen Wandel diskutiert werden. Sharing Economy, Kreativwirtschaft und die Digitale Bohème, der Solo- Kapitalist (Solopreneur), das bedingungslose Grundeinkommen etc., samt der jeweils mehr oder weniger ideologischen Begleitmusik (so in der Sharing Economy oder der Weltverbesserungsagenda von Facebook, S. 131).
Die digitale Vermessung der Welt stellt immer mehr Lebensäußerungen in ihren Dienst, die vormaligen Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen.  Arbeit und Einkommen entkoppeln sich, der Begriff von Arbeit an sich verändert sich.
Daum versteht sich als Linker, wer aber eine rundum- Kritik am digitalen Kapitalismus erwartet, wird enttäuscht. So etwa die Rezensenten der Buchvorstellung in Hamburg, die geradezu entsetzt sind über die überraschend versöhnliche Haltung zum Kapitalismus.
Denn ganz so kritisch sieht Daum den Digitalen Kapitalismus nicht: der freie und kostenlose Zugang zu Informationen und Diensten ist ihm zu verdanken (236). Dem alten fossilen, konsumorientierten Kapitalismus ist hingegen nicht nachzutrauern (241). Arbeiterbewegung und Gewerkschaften hatten darin über die Jahrzehnte Rechte, Sicherheiten und Teilhabe erkämpft, eine Tradition zu der eine Parallele in der digitalen Gesellschaft noch fehlt.
Unternehmen des Digitalen Kapitalismus übernehmen Aufgaben globaler Dimension. Erst mit den Inhalten der Nutzer (Prosumer) werden die Plattformen zum Leben gebracht. Ein treffendes Bonmot: Der Digitale Kapitalismus schafft es, frei verfügbares Wissen zu kolonisieren, als proprietären Service neu zu verpacken und diesen wiederum zu verwerten (235).
Wenn es eine abschließende Aussage zum Digitalen Kapitalismus gibt, dann ist sie dezent platziert: Der Kapitalismus ist keine fremde, uns knechtende Macht: Wir selbst sind der Kapitalismus. Wir schaffen selbst die Abstraktionen, von denen wir uns beherrschen lassen (123).

Ein Ausblick: Der digitale Kapitalismus dringt in neue Bereiche vor: Mobilität, Energie, Transport, Logistik. Wir brauchen eine kostenlose Grundversorgung für die digitale Stadt, einen New Deal, bei dem die Bewohnerinnen ihre Daten beisteuern (241), und eine algoritmische Alphabetisierung. Digitaler Kapitalismus wäre vom Standpunkt des Neuen, Möglichen zu kritisieren – nicht von dem des Alten.

Timo Daum: Das Kapital sind wir. Zur Kritik der Digitalen Ökonomie. Edition Nautilus, Hamburg 09/2017.  268 S. ISBN: 978-3-96054-058-8



Hidden Values – Die Währungen der Zukunft

28/05/18 kmjan
Hidden Values – Die Währungen der Zukunft – fasst die Beiträge einer Konferenz (Hidden Values – Mehr wert als Geld?) im Oktober 2017 in der Zeche Zollverein (Essen) zusammen. Herausgeber ist Creative.NRW, und das Vorwort stammt vom Financier, dem Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, Andreas Pinkwart.
Der Titel Hidden Values lässt zunächst an Werte denken, die noch nicht betriebswirtschaftlicher Vermessung ausgesetzt sind, zumal ganz ausdrücklich Aufmerksamkeit, Beziehungen und Netzwerke, Daten und Informationen als handfeste wirtschaftliche Werte (15) genannt werden. Nach gängiger BWL erfordert es nur geschicktes und methodisches wirtschaftliches (Marketing-) Handeln (etwa Branding, Community- Building etc.) um derartige Ressourcen zu monetarisieren.
Übergreifendes Thema und Kernthese des Sammelbandes ist jedoch, dass sich aus den genannten Werten selber zentrale Ressourcen herausbilden, sie zu einer Art Währungen auf ihren eigenen Märkten werden. Ausgehend von der Kreativwirtschaft breiten sie sich in der digitalen Ökonomie aus.
Ankerpunkt ist ein Interview mit Georg Franck (26-39), Autor von Ökonomie der Aufmerksamkeit (1998). Aufmerksamkeit treibt seit jeher die Medienwirtschaft an, als begrenzte Kapazität bewussten Erlebens (27) ist sie eine knappe Ressource in der Digitalökonomie. Und es gibt Parallelen im Haushalten mit Aufmerksamkeit zum Haushalten mit Geld – Paying attention heißt es in der amerikan. Umgangssprache. Die globalen Konzerne der Digitalökonomie bewirtschaften Aufmerksamkeit und generieren daraus ihre Gewinne. Und sie wird in Einheiten gemessen: von den Einschaltquoten des Rundfunk zu Klickzahlen, Likes etc.

Kreativwirtschaft ist seit den 90er Jahren Thema, mit einigen, sich wandelnden Bezeichnungen. Als Kulturwirtschaft mehr an den klassischen Kultursparten und ihren Zuträgern orientiert, als Creative Industries Ausführer der Valorisierung, der Aufladung von Gütern mit Stories und Emotionen. Kreativwirtschaft in diesem Zusammenhang meint 11 Sparten (die klassischen + u.a. Design, Games, Software), die Rückflüsse in andere Wirtschaftsbereiche und in die Digitalisierung.
Entscheidend bei der Herausbildung zumindest weiter Teile von Kreativwirtschaft ist Popkultur, über Jahrzehnte das Erlebnis- und Erfahrungsfeld, in dem Haltungen und Lebensentwürfe ausprobiert und eingeübt wurden. In den frühen Dekaden als jugendliche Subkultur gelebt und vom damaligen Establishment gering geschätzt, nahm Popkultur immer mehr Einfluß auf die Consumer Culture und wurde schließlich von der Wirtschaftsförderung entdeckt. Ausgehandelt wird letztendlich v.a. Coolness, als Haltung und als Distinktionsmerkmal, es wäre ein weiterer sehr spezieller nichtmonetärer Wert.

Zwölf Themen auf 162 Seiten (+ An- und Abmoderation) sind natürlich noch keine erschöpfende Abhandlung. Hidden Values lenkt den Blick auf Wertbemessungen abseits von Geld. Das Digital von Viktor Meyer- Schönfelder (+ Thomas Ramge) und die Gesellschaft der Singularitäten von Andreas Reckwitz waren in diesem Blog bereits Thema. Ersterer trägt die ökonomische Vision des passgenauen Zusammenführens von Angebot und Nachfrage in datenreichen Märkten, in denen der Markt endlich  sein volles Potential entfalten kann.
Zumindest mir hatten Vortrag und Text von Shermin Voshmgir das Thema Blockchain und Token- Ökonomie verständlicher gemacht. Es geht um die Vision als öffentliches Zahlungsnetzwerk ohne zentralisierte Institutionen, wie Banken, Kreditkartenunternehmen und  (103) um Bitcoin als Betriebssystem einer neuartig verteilten Volkswirtschaft. Schließlich der Gedanke einer Wertbestimmung durch Nutzung anstelle von Angebot bei Stefan Heidenreich. Digitale Wertschöpfung wird bis jetzt noch in die Modelle in der Industrieproduktion gezwungen.

Lassen sich die einzelnen Themen  in eine netzökonomischen Perspektive richten, wie es Gunnar Sohn vorschlägt? Sicherlich die aus dem Block Daten (Mayer-Schönberger, Voshmgir, Heidenreich) in denen annähernd konkrete Vorschläge zur Datenökonomie genannt werden. Datenreichtum wird so oder so die Märkte verändern. Andere Wertkreisläufe sperren sich stärker gegen die Einbindung, für das Erleben spielen sie eine umso stärkere Rolle. Coolness ist manchmal ein Wert, der sich selbst genügt, das andere mal ein Schwergewicht ökonomischer Wertbestimmung. 
(Text ergänzt 14/08/18)

Hidden Values. Die Währungen der Zukunft. Herausgegeben von  Creative.NRW (April 2018), 163 S., mit Beiträgen von: Jana Costas, Heike-Melba Fendel, Frederik Fischer, Georg Franck, Stefan Heidenreich, Rafael Horzon, Leonard Novy, Mads Pankow, Andreas Reckwitz, Viktor Mayer-Schönberger, Stefan Schmidt, Christian Schüle, Joseph Vogl, Shermin Voshmgir.   Erhältlich über Creative.NRW.  oder als download.



Das Digital – Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus (Rez.)

Zwei Bücher innerhalb eines halben Jahres, das ist flott. Im Oktober 2017 erschien Das Digital von Viktor Mayer- Schönberger und Thomas Ramge, Mitte März 2018 folgte Mensch und Maschine – letzteres im  Reclam Format (9,5 x 14,8 cm, <100 S.) -jackentaschenfähig.
Der grammatisch innovative Titel Das Digital knüpft an Karl Marx Das Kapital. So wie bei Marx im Zeitalter des beginnenden Industriekapitalismus der wirtschaftliche Mehrwert und seine Verteilung  im Vordergrund stand, geht es jetzt darum, diese Fragen im Übergang vom Finanzkapitalismus zum Datenkapitalismus neu zu beantworten.
Der Titel der englischen (Original-) Ausgabe Reinventing Capitalism in the Age of Big Data, ebenso wie der deutsche Untertitel (Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus) lenkt den Blick auf die gesellschaftliche Gestaltung des Datenkapitalismus. Den Autoren geht es letztlich um eine digitale soziale Marktwirtschaft.

Datenreiche Märkte verändern die Rolle, die Märkte und Geld spielen. Märkte dienen nicht nur dazu, knappe Waren auszutauschen, sie sind ein gesellschaftlicher Mechanismus, der Menschen die Möglichkeit bietet, sich untereinander effektiv und effizient zu koordinieren  (263/264).  So ist der explizit als Kernaussage des Buches genannte Satz  „Der Markt kann endlich (mit Datenreichtum) sein volles Potential entfalten“ (25) zu verstehen. Datenreiche  Märkte enthalten Informationen verschiedener Dimensionen mit ihrem jeweils eigenen Wert, sie führen Angebot und Nachfrage möglichst passgenau zusammen.

Was Skaleneffekte für die Massenproduktion, Netzwerkeffekte für die Informationswirtschaft, bedeuten Feedbackeffekte für die Wertschöpfung in datenreichen Märkten rundum künstliche Intelligenz.  Aus Daten lernende Systeme verbessern sich mit dem Imput und um nützlich zu sein, benötigt  maschinelles Lernen gewaltige Mengen an Trainings- und Feedbackdaten. Das gilt für Übersetzungsservice (z. B. Google), Bilderkennung, Autopiloten, medizinische Diagnostik und vieles mehr. Ohnehin bereits starke Unternehmen und Organisationen sind im Vorteil. Dort sammelt sich mit den Daten Handlungskompetenzen und Marktmacht an, die weit über herkömmliche Wettbewerbsvorteile hinausgehen.
Um Datenmonopolen entgegen zu wirken, befürworten die Autoren eine Datenumverteilung. Damit datenreiche Märkte nachhaltig funktionieren und die so erwirtschaftete digitale Dividende allen zukommt, sollten Datensammler zum Teilen ihrer Daten in die Pflicht genommen werden. So schlagen sie vor, dass Unternehmensabgaben in Form eines Daten-Sharings geleistet werden.

Matching, das Zusammentreffen mit dem optimalen Transaktionspartner, ist ein grosses Versprechen der Digitalisierung. Was (herkömmlicher) Markt oder Zufall nur umständlich erreichen, das ist in Datenreichen Märkten  angelegt. So  funktionieren z.B. Dating- Plattformen, ebenso wie zahllose Dienstleistungen. Nicht alle im Buch vorkommenden Beispiele überzeugen. Brauchen wir Einkaufsassistenten? B to B  oft sinnvoll, privat ist die Auswahl von Kleidung/Mode, Nahrung/des Essens, Mobiliar/Einrichtung etc. für viele ein wesentlicher Teil der Lebensgestaltung und bringt Freude, anderen nicht. Datengetriebene Auswahl, insbes. personalisierte Abo- Modelle sind ein Wunschziel des Marketing.

Im Schlußwort (266) geben sich die Autoren optimistisch: Wir glauben nicht an die düsteren Prognosen, dass datengetriebene Technologie gegen den Menschen arbeitet. Daten sind nicht kalt, wie oft behauptet, und es ist widersinnig, in der Diskussion Menschen ständig gegen Maschinen auszuspielen. Wir sind  überzeugt: Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.
Der Optimismus stützt sich auf  eine politische und gesellschaftliche Gestaltung der Datenökonomie und ihrer Rahmenbedingungen. Eine nachhaltige, gemeinschaftliche und demokratische Datenökonomie ist kein Selbstläufer.

Reclam – Format, passt in jede Jackentasche

Das zweite Buch ist ein Büchlein mit dem Elementarwissen Künstliche Intelligenz. Erschienen in der Universal- Bibliothek (Nr. 19499), der Reihe der Klassiker von Plato, Seneca und Cäsars De bello gallico bis Goethe, kennt jeder aus der Schulzeit.
KI ist die nächste Stufe der Automatisierung. Nach Autor Ramge erlebt sie gerade ihren Kitty-Hawk-Moment – ein Bild aus der Entwicklung des  Motorflugs – die Technologie hebt ab und plötzlich läuft, was lange Zeit nur eine großspurige Behauptung war (7/8), eine Art Break-even. Einiges, was bereis in Das Digital geschrieben wurde, wiederholt sich. Ansonsten kompaktes Wissen in der Westentasche. 6 € – das kann sich jeder leisten.
Künstliche Intelligenz klingt immer etwas nach Schöpfergeist und Golem, man kann dagegen den Begriff aus Daten lernende Systeme setzen, der die Grundlagen hervorhebt. Letztlich ist KI eine von Menschen gemachte Technik und Menschen werden die Entscheidungshoheit behalten.
Beide Bücher sind für jeden, der sich mit Digitaler Ökonomie oder Digitaler Zivilisation  befasst, eine wichtige und sehr nützliche Lektüre. Viele Fragen zu Funktion und Rolle  von Markt und Unternehmen werden angesprochen, dabei z.B. auch: Warum sind gerade manche datenreiche Unternehmen straff hierarchisch organisiert, geradezu Effizienzmaschinen ?
ganz nebenbei: immer wieder fällt auf, dass auch Publikationen zu digitalen Themen weiterhin gedruckt erscheinen, e-book ist bestenfalls Ergänzung. Haptische Qualitäten, Abgeschlossenheit des Werkes und kulturelle Verankerung sprechen für den Erhalt des analogen Formats. 

Victor Mayer- Schönberger  & Thomas Ramge: Das Digital -Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus. Econ Verlag, München 2017, 304 S., 25 €  Thomas Ramge: Mensch und Maschine. Wie künstliche Intelligenz und Roboter unser Leben verändern. Reclam Verlag, Stuttgart 2018. 96 S., 6 €  Vgl. auch: Viktor Meyer- Schönberger Die Kreativwirtschaft als Pionier datenreicher Märkte. In : Hidden Values. Die Währungen der Zukunft. Herausgegeben von Creative. NRW Kompetenzzentrum Kreativwirtschaft S. 88-97   April 2018



D2030 – Deutschland neu denken – Acht Szenarios für unsere Zukunft – (Rez.)

Zukunft ist nicht vorhersehbar, aber doch lenk- und gestaltbar. Im Sommer 2017 wurden auf der Zukunftskonferenz in Berlin Ergebnisse aus dem Projekt  D 2030 einer Öffentlichkeit vorgestellt. Es ging nicht um einzelne (Mega-) Trends oder lineare Prognosen, nicht um best- und worst- cases, sondern um eine Landkarte, um Szenarien für den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Raum Deutschland zum Jahre 2030.
Jetzt ist das zugehörige Buch erschienen. D2030 folgt der Methodik des Szenario- Managements, mit der Wege und Vorstellungen einer möglichen Zukunft sichtbar gemacht werden. Umgesetzt wurde die Methodik in einem partizipativen Verfahren – induktiv (bzw. bottom-up) in mehreren öffentlichen (online-) Dialogen.

Abb.: Landkarte der Zukunft mit den Kernfragen, S. 37 (grössere Ansicht nach Klick)

Klar voneinander unterscheidbare Szenarios wurden entworfen und sie werden sehr anschaulich beschrieben: Spurtreue Beschleunigung (wo wir landen, wenn wir uns gegen Veränderung stemmen); Neue Horizonte (Freiheit, Gerechtigkeit und offene Fragen im Wunschraum); Bewusste Abkopplung (Chancen und Gefahren eines deutschen Sonderweges);  Alte Grenzen (vorwärts in die Vergangenheit). Die letzteren beiden (3 u. 4 in der Abb.) denken bestimmte Konstellationen weiter, spielen im weiteren aber keine grössere Rolle. Spurtreue Beschleunigung und Neue Horizonte mit ihren jeweils drei Varianten (s. Abb.) verdienen die Beachtung. Sie stehen als Gegenwartsraum und Wunschraum einander gegenüber.

Zielperspektive sind die Neuen Horizonte (Spielräume für die Zivilgesellschaft, Stärke durch Vielfalt u. Renaissance der Politik), entscheidend dafür ist die gelingende Verbindung ökonomischer und gesellschaftlicher Innovationen. Spurtreue Beschleunigung bleibt auf der Spur von Deregulierung und Privatisierung,  Wirtschaftsinteressen vs. Nachhaltigkeitswerten, Wohlstandszuwächse kommen v.a. den ohnehin Privilegierten zugute. Die Veränderungen von dort zu Neuen Horizonten stellen die Frage nach einem Zielpfad, der Offenheit und Globalität mit Nachhaltigkeit und Gemeinschaftlichkeit verbindet, in den Vordergrund (105).
Ohne dahingehende Veränderungen ist im besten Falle ein Wohlfühl- Wohlstand zu erwarten, wahrscheinlicher eine gesellschaftliche Spaltung trotz wirtschaftlichem Erfolg. Letzteres Szenario wurde in den öffentlichen Dialogen trotz großer Ferne zur gewünschten Zukunft als wahrscheinlichste Perspektive (64 %) angegeben. Grundsätzlich geht es bei D 2030 darum, vernetztes und langfristiges Denken in sozialen, ökonomischen und politischen Entscheidungsprozessen zu verankern. Die Szenarios sollen nicht zeigen, was wird, sondern sie sollen als Denkwerkzeuge verdeutlichen, was möglich ist.

Abb. Einflußbereiche und Schlüsselfaktoren, S. 22 (grössere Ansicht nach Klick)

Methodisch basieren alle Szenarien auf jeweils mehreren Zukunftsprojektionen zu 33 Schlüsselfaktoren sechs Systembereichen (s. Abb.), die in den öffentlichen Dialogen bewertet und weiterentwickelt wurden.

Das Buch ist im wesentlichen eine materialreiche Projektdokumentation, inhaltlich wie methodisch; dazu kommen eine Reihe fiktionaler Berichte aus einigen Zukünften. Man erfährt eine Menge über die Methode Szenariotechnik, zu Hebelkräften und Schlüsselfaktoren, die Einfluß nehmen. Es gibt insgesamt 64 graphisch sehr gut aufbereitete Abbildungen. Alle Schlüsselfaktoren incl. der – jeweils 4-6 Zukunftsprojektionen werden ausführlich beschrieben.

D2030 versteht sich als Politikberatung, so wurde zur Bundestagswahl 2017 ein Memorandum verfasst,  geht aber im Adressatenkreis an alle am öffentlichen Diskurs zur Zukunft der Gesellschaft bzw. zur Digitalen Transformation Beteiligten. Parteipolitische Präferenzen sind nicht zu erkennen, D2030 wird von einer breit aufgestellten Initiative aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft getragen. Man ist allerdings dem politischen Spektrum, dem Werte der Nachhaltigkeit und Subsidiarität naheliegen, zuzurechnen.   Schließlich der Anstoß zu einem neuen Narrativ der Digitalisierung – jenseits technikfixierter Visionen (137).  Gesellschaftlicher Wandel in Zeiten der Digitalisierung ist eben mehr als das, was etwa der seltsame, der  Produktion entlehnte Begriff Gesellschaft 4.0 nahelegt.

Klaus Burmeister, Alexander Fink, Beate Schulz- Montag  & Karl-Heinz Steinmüller .: Deutschland neu denken. Acht Szenarien für unsere Zukunft. Oekom Verlag,  München 2018, ISBN: 978-3-96238-018-2;  246 S. 


New Work – Impulse (Next Work)

An Diskussion und Blogparade zu New Work (bzw. Next Work) war ich nur am Rande beteiligt. Auslöser der Debatte war zum einen der im März 2017 erschienene Titel New Work: Auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt: Management-Impulse, Praxisbeispiele von Marc Wagner, Benedikt Hackl et al. Zum anderen sehr unterschiedliche Reaktionen auf die erste New Work Experience Konferenz im März 2017. Die Bemerkung elitärer Scheiss von Hendrik Epe zu dieser Konferenz machte die Runde und wurde zum Running Gag der Diskussion.
Das Buch richtet sich im wesentlichen aus betriebswirtschaftlicher Perspektive an Unternehmensverantwortliche und Berater (vgl. Rez. von Marcus Väth auf youtube). In diesem Rahmen ist New Work v.a. Organisationsentwicklung und damit auch ein Feld entsprechender Beratungsdienstleistungen.
Zwei auseinanderlaufende Vorstellungen und Positionen zum Thema werden schnell deutlich: auf der einen Seite geht es um den Transfer neuer Arbeitsstrukturen in Organisationen, auf der anderen Seite um eine Lebensreform, eingebunden in einen gesellschaftlichen Wandel – und im einzelnen auch oft um die Entwicklung ganz individueller Perspektiven.

New Work hat den Urtext Neue Arbeit, Neue Kultur von Frithjof Bergmann  (2004), der nicht als esoterische Utopie, sondern als praktische politische Idee verstanden werden will. Wesentlich ist zum einen die weitgehende Abkehr vom Job- System und die Hinführung zu dem was man „wirklich, wirklich machen will“ – ebenso die Beachtung und Einbindung von Prinzipien ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit. Die Freiräume, die technologischer Fortschritt mit sich bringt, sollen sozialem und ökologischem Fortschritt zu Gute kommen.  Die darauf bauende neue Wirtschaftsform ist das Fundament, auf dem sich ein neues System der Arbeit und letztendlich eine neue Lebensweise und Kultur herausbilden kann (vgl. Zusammenfassung von F. Bergmann). Das bedeutet eine gesellschaftliche und politische Wende der Arbeitswelt.

phikenThematische Bandbreite (S. 137) – Koordinate li: Reichweite (von oben nach unten: Gesellschaft, Unternehmen, Gruppe, Individuum)

Aus der Blogparade ist ein brettschwerer Materialienband hervorgegangen, erschienen als Competence Book Nr. 18. Die thematische Breite ist in der nebenstehenden Graphik dargestellt. Die Beiträge fallen in Rubriken wie Treiber des Wandels, Paradigmen, Vorgehen,  People/  Leadership,  Lösungsbausteine bis zu Success Stories, dazu unter Wissen kompakt eine Zusammenstellung  von Infographiken. Richtet sich im wesentlichen an die Branche HR/Human Resources.
New Work bedeutet, ein besseres Wirtschaften durch eine humanzentrierte Arbeit zu schaffen“ (141), den Satz kann man als Absicht und Motto über den gesamten Band stellen. Thema sind Werte wie Selbständigkeit, Freiheit und Teilhabe an Gemeinschaft und das Zusammenspiel von Person und System. Und immer wieder der kulturelle Wandel zu mehr Agilität, Flexibilität und Individualität innerhalb von Unternehmen.
Dazu gibt es im Band Beispiele und auch Impulse.  Letztlich geht es um die Rahmenbedingungen, das Potential von Mitarbeitern zur Entfaltung zu bringen. Das reicht von der Gestaltung von Arbeitsumgebungen, Zeitsouverainität, den Rückbau von Bürokratie, den Abwurf von disziplinarischem Ballast zu Anpassungen an oft bereits vollzogene gesellschaftliche Veränderungen,  zu Diversity.  Digitalisierung ist einer der Treiber, die Erwartungshaltung von Mitarbeitern (Verbindung von persönlichen Lebenszielen und Beruf) ein weiterer. Unternehmen der Wissens- und Kulturökonomie – Kreativwirtschaft, Beratungsbranche, Softwareentwicklung – stehen im Vordergrund.
Eine gesellschaftliche Agenda ist aber kaum damit verbunden. Der Begriff Gesellschaft 4.0 (19) kommt am Rande vor, bleibt aber eine diffuse Zielperspektive. Angesprochen werden gesellschaftliche und politische Dimensionen im Beitrag von Markus Väth (164): Ökologie, Soziale Gerechtigkeit, maßvoller Konsum, ein positives Menschenbild.
Spricht man von New Work kommt der Gedanke auf Old Work – das steht für Standardisierung als 9to5  Job, für Hierarchien und Disziplinargesellschaft,  – eine Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit all ihren Zwängen, aber auch Standards der Absicherung.

Betrachtet man die Beispiele aus der Perspektive der Singularisierungsthese von Andreas Reckwitz, dann ist New Work ein einprägsames Beispiel Singularisierter Arbeit (vgl. Reckwitz 181 ff).  Standardisierte Arbeit besteht weiterhin, mehr und meist besser bewertete Arbeit ist aber auf weitgehend singuläre Güter und Dienste ausgerichtet als auf standardisierte. Singularisierte Arbeit findet sich eben v.a. in der oben genannten Wissens- und Kulturökonomie. Singulär ist eine Arbeit dann, wenn ein Arbeitnehmer nicht austauschbar ist, und sich selbst auch so wahrnimmt (vgl Reckwitz 185). Eine spezifische Qualität wird erwartet, mehr als nur Lebensunterhalt und guter Verdienst. Anderswo stehen diesen Lovely  Jobs   Lousy Jobs gegenüber.

Das (alte) industrielle System beruht auf der Stelle/Funktionsrolle mit definierter formaler Qualifikation und meßbarer Leistung, das (neue) postindustrielle Arbeitssystem auf den Kriterien von Kompetenz/Potential, Profil und Performance. Die Logik des Besonderen überlagert die des Allgemeinen.

Letztlich bleiben die Diskussionen zu New Work uneinheitlich, und öfters wird der Begriff zum Buzzword. Mit weniger Anspruch auf Allgemeingültigkeit, bescheidener tritt der Begriff Next Work auf.

Marc Wagner, Joachim Rotzinger, Kai Anderson, Winfried Felser, Ralf Gräßler, Michael Kühner et al.  .: New Work – Impulse. Zwischen „Next Work“ und Gesellschaft 4.0 – Treiber, Paradigmen, Lösungen und Vorgehen.  -Competence Book Nr. 18.  Köln,2017, 338 S.  –  Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S.



The New Urban Crisis (Rez.)

Wenige Titel seit der Jahrtausendwende hatten einen solchen Nachhall wie The Rise of the Creative Class (2002) von Richard Florida.  Wann immer von Kultur- oder Kreativwirtschaft, von Strukturwandel, Stadtentwicklung,  Standortpolitik und ihren weichen Faktoren, Diversity, aber auch von Gentrifizierung gesprochen wird, stehen bzw. standen Floridas Thesen im Hintergrund. Der „3T- Ansatz“ Talent, technology and tolerance wurde zum festen Begriff im Wettbewerb der Standorte um innovative Menschen in der entstehenden Digitalwirtschaft.  Und es gab Indices: Gay Index und Bohemian Index sollten die Einflüsse meßbar machen. An der öffentlichen Wahrnehmung gemessen war und ist der Aufstieg der kreativen Klasse eine äusserst erfolgreiche und wirkungsmächtige Geschichte.

The New Urban Crisis erschien im Frühjahr 2017, nach Trumpwahl und Brexit. Fünfzehn Jahre nach 2002 ist deutlich, dass es Gewinner und Verlierer gibt, Reiche wurden reicher, und es gibt eine neue Krise des Urbanen. Die urbane Krise der 60er und 70er Jahre war die der De- Industrialisierung und der Abwanderung der Mittelklasse in die Vorstädte, die neue ist die der Ungleichheiten zwischen den sozialen Gruppen, festgemacht an den Kategorien creative, Service und working class. Die 50 wirtschaftsstärksten Ballungsräume generieren weltweit 40% des Wachstums, aber es leben dort nur 7%  aller Menschen. Die Clustering Force von konzentriertem Talent und ökonomischer Aktivität ist gleichzeitig Motor für städtisches Wachstum und Betreiber der Ungleichheit.

räumliche Segregation in der Bay Area/San Francisco (148) – (nach Klick wird die grössere Auflösung angezeigt)

Eine deutsche Übersetzung von The New Urban Crisis  ist nicht zu erwarten (auch The Rise of the Creative Class wurde nie übersetzt)- das Buch bezieht sich weitgehend auf die USA, eingeschränkt Kanada und Großbritannien. (Kontinental)- europäische und deutsche Städte kommen nur am Rande vor: Sie  weisen geringere Ungleichheiten und Segregation auf. Berlin kommt als urbanes Technologiezentrum, das sich gerade wegen seiner Bohème-Qualitäten bes. für Mikroentrepreneurs entwickelt, vor.  Es gibt jede Menge Tabellen und Karten nordamerikanischer (+London) Städte und Ballungsräume, die die räumliche Segregation illustrieren, es gibt viele Rankings u.a. nach einem New Urban Crisis Index, in den u.a. Ungleichheiten in Einkommen, Bildung, und Segregation der unterschiedl. Klassen einfliessen.

Creative Class ist ein sehr charmanter Begriff, der nicht nur klassisch kreative Tätigkeiten umfasst. Florida bezog die sog. Creative Class Professionals ein, „to include people in science and engineering, architecture and design, education, arts, music and entertainment whose economic function is to create new ideas, new technology, and new creative content“ (2002, S. 8; genaue Definitionen 2017, S. 231)so zählen auch Finanzwirtschaft, Rechtsdienstleistungen und Verwaltungsposten zur Creative Class letztlich also das, was man insgesamt als wissensbasierte Dienstleistungen zusammenfasst. Die Abgrenzung überschneidet sich weitgehend mit dem Neuen Mittelstand bei Andreas Reckwitz. Dieser „kreativen“ Klasse stehen Working Class (die bluecollar old economy) und Service Class ( von der Pflege bis zur Sicherheit) gegenüber.

Was bleibt? Lenkte der Begriff Creative Class um die Jahrtausendwende den Blick auf sich neu konstituierende Cluster, die Bedeutung eines kulturellen Umfeldes, die Anziehungskraft einer Umgebung der Vielfalt, wirkt er heute in dem sehr weitgefassten Bedeutungsumfang nur noch arrogant, fast neofeudal: Was macht die eine Klasse zu einer kreativen, die andere zu einer dienenden?
In den englischsprachigen Reaktionen wird zum einen hervorgehoben, dass The New Urban Crisis die Probleme der großen Urbanisierung Amerikas mit überzeugenden Daten aufzeigt und dazu durchdachte Lösungen für die Herausforderungen und Chancen bietet – deutlich negativer ist die Resonanz in Großbritannien, dort wird es tituliert als Richard Florida is Sorry, und es geht bis hin zur offenen Beschimpfung in Kommentaren als Wanker (Wichser).
Letztlich geht es um die Frage, wer Gewinner ist in der digitalen Ökonomie, und wie ein guter Ort zum leben beschaffen sein soll. In der Kultur des fordistischen Zeitalters wurde Regelbeachtung verlangt, darüber hinaus wurde man in Ruhe gelassen. In der Kultur der digitalen Welt ist das, was früher nicht im Mainstream war in den Wertschöpfungsketten eingepreist.

Richard Florida: The New Urban Crisis. Gentrification, Housing Bubbles, Growing Inequality, and what we can do about it. (UK Edition) London 2017, 480 S. ISBN: 978-1-518-78607-212-2   320 S.  



Die Gesellschaft der Singularitäten (Rez.)

Soziologische Monographien der letzten Jahrzehnte  erschienen bezeichnenderweise immer wieder unter Titeln, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge spätmoderner Gesellschaften aufrollen: Risiko-, Erlebnis-, Multioptions-, Abstiegs- gesellschaft, Resonanz als Weltbeziehung etc. – bei Andreas Reckwitz geht es nun um Singularitäten als solche. Mit einigen Abstrichen befassen sich alle diese Titel mit Erscheinungen des Übergangs von der klassischen  Industriegesellschaft zur Spätmoderne, bei Ulrich Beck (Risikogesellschaft) z. B. Erste und Zweite Moderne genanntReckwitz‘  Thema ist die kulturelle Transformation von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Vorausgegangen war „Die Erfindung der Kreativität. Zum Prozess gesellschaftlicher Ästhetisierung“ (2013).

Kernthese des jetzt (10/2017) erschienenen Buches ist ein Bedeutungsverlust des Allgemeinen (d.h. auch des Konformen und Konventionellen) gegenüber dem Besonderen. An die Stelle normbildender Gleichheit, die sich vielfältig niedergeschlagen hatte, so „in Volksparteien, im keynesianischen Steuerungs- und Wohlfahrtsstaat, in Massenmedien und Fernsehkultur(Die Zeit, 4.10.17), ist das Ideal des sich selbst entfaltenden Individuums, ein expressives Selbst, das nicht nur einfach den Konventionen folgt, getreten. Träger ist die mit der Bildungsexpansion gewachsene akademisch gebildete Neue Mittelschicht mit dem Anspruch an ein gutes Leben. Kennzeichnend sind die Suche nach authentischen Erfahrungen in Beruf, Privatleben und Freizeit und einem ästhetischen und ethischen Anspruch an das eigene Leben.

Singularitätsmarkt CraftBeer

Singularisierung ist mit Kulturalisierung verbunden, d.h. Güter und Dienstleistungen werden mit Wert bedacht – valorisiert, erhalten eine narrativ- hermeneutische Dimension. Am augenfälligsten sind Singularisierungen in Lebensstil und Konsum. So beim Essen – ein Connaisseurtum wird nicht nur beim Wein gepflegt. Genuß- und andere Lebensmittel wie CraftBier, Kaffee, SchokoladeBeef, Ethnic Food etc. bieten Gelegenheit dazu. Bausteine eines singularistischen Lebensstils finden sich in den meisten Lebensbereichen: Wohnen, Reisen, Mode, in allen Sparten von Kultur und Sport, im gesellschaftlichen Engagement – und im Verhältnis zum eigenen Körper. Der Kulturbegriff ist längst so weitgefasst, dass er alle Formen von Hoch- und Popularkultur genauso umfasst, wie Alltagskulturen jeglicher Herkunft aus Gegenwart und Vergangenheit. Der Bogen reicht von Paläo- Diät  zu Industriekultur, Fußball- und Games- bis etwa zur Sneakerkultur, entscheidend ist der Anschluß an Narrationen. Handwerkliche Herstellung, Manufakturwaren erleben ein Revival. Im Kulturkapitalismus wird die Singularität eines Gutes zu dessen Kapital (172).

Singularisierte Arbeit im Projektteam Bild: time. / photocase.de

In der postindustriellen (= spätmodernen) Gesellschaft transformiert sich die Arbeitswelt. In innovationsgetriebenen Branchen (Wissens- u. Kulturökonomie, Digitales) treten Projektstrukturen und Netzwerke an die Stelle der hierarchisch- arbeitsteiligen Matrix. Dieser Arbeitsmarkt fordert ein möglichst einzigartiges Profil von Kompetenzen und Potentialen (182) – und deren Umsetzung in einer angemessenen Performance. Intrinsische Motivation wird erwartet. Der Mitarbeiter/Selbstunternehmer hat beständig an seiner Arbeitsmarktfähigkeit/Employability zu arbeiten. Markterfolg ist abhängig von seiner Performance mit einer in sich stimmigen Besonderheit – erstrebenswert ist eine gelungene Balance zwischen Konzentration und Lässigkeit im AuftrittHR Management kommt die Identifizierung und Förderung von Besonderheiten zu. Nebendem bestehen routinisierte und zunehmend automatisierte – profane –  Arbeiten weiter:  „Die Arbeit ist profan, wenn der Arbeitnehmer austauschbar ist (und sich selbst auch so wahrnimmt), und sie ist singulär, wenn das nicht der Fall ist“ (185). Lovely Jobs und Lousy Jobs liegen oft nahe beieinander.

Von der industriellen Moderne zur Kreativ- und Wissensökonomie in der Spätmoderne

Inwieweit wird „Die Gesellschaft der Singularitäten“ dem Anspruch als Zeitdiagnose gerecht? Die Erosion der industriellen Logik, Individualisierung, der Abschied von einer Gesellschaft der Normarbeitsverhältnisse mit arbeitsrechtlichen und sozialstaatlichen Absicherungen, Konvergenzen von Neoliberalismus und Gegenkultur, die „Creative Economy“ sind seit einigen Dekaden Thema.
Reckwitz bezieht sich immer wieder auf letztere, erweitert als experience economy, als der treibenden Kraft der postindustriellen Wirtschaft. Neben der Kreativ- und Wissensökonomie (incl. der Digitalwirtschaft) im engeren Sinne fallen Sport, Tourismus, Entertainment, Gastronomie etc., auch Teile von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion, Gesundheitswirtschaft, das Umfeld von Beratern, Start-Ups, Influencern, Solopreneuren aller Art, darunter – soweit sie der Logik der kulturellen Singularitätsgüter entsprechen: Authenzitätsanspruch, Erlebnisqualität, maßgeschneiderte Produkte und Problemlösungen. Kulturkapitalismus bzw. Kulturökonomisierung hat hier seinen Ursprung. Akteure und Unternehmen entstammen oft lokalen oder subkulturellen  Inkubationszentren.

Im Konzept der Singularitäten fügen sich ganz unterschiedliche Phänomene der Spätmoderne zusammen: in Lebensstil und Konsum, auf den Märkten und dem Arbeitsmarkt, in der Erziehung und im Wettbewerb. Auf der individuellen Ebene z.B., wenn die eigene Arbeit und die eigene Performance beständig valorisiert und abgeglichen werden. Konzepte wie New Work oder Storytelling erscheinen neu beleuchtet. Ein schöner Satz: Im Modus der Singularität wird das Leben nicht einfach gelebt, sondern kuratiert(9). Gesellschaftliche Prozesse, die seit einigen Jahrzehnten stattfinden,  verstärken und beschleuniogen sich sich mit der Digitalisierung (vgl. Kultur der Digitalität von F. Stalder).
Recknitz stellt die einzelnen Felder äußerst detailreich dar, manchmal erscheinen seine Ausführungen etwas überakzentuiert.  Ein Buch das Zeit braucht, immerhin knapp 500 Seiten.

Weniger folgen kann ich ihm dort, wo er von einer Neuen Klassengesellschaft spricht (FAZaS, 22.10.17), zumindest in der Form, in der die Neue Mittelklasse einer Alten Mittelklasse und einer Neuen Unterschicht gegenübersteht – und er dazu die (kleine) vermögende Oberschicht der Neuen Mittelklasse zuschlägt. Recknitz stuft den Anteil der Neuen Mittelklasse auf ca. 1/3 der Bevölkerung  ein –  in Anlehnung an vier der Sinus- Milieus. Kulturelle Bruchlinien sind wohl zu erkennen, doch sind Gemeinsamkeiten zunächst begrenzt: kulturelles Kapital, ein Ideal der Selbstverwirklichung, Zugang zu den öffentlichen Diskursen, eine mehr oder minder expressive Performance. Das Risiko der Prekarität, des Sich-Durchwurschtelns (Muddling through) trifft nicht nur eine Unterklasse. New Work schafft Macht in Unternehmen und Organisation nicht ab. Auch die Creative Economy ist zumindest entzaubert. Reale Machtunterschiede treten immer wieder hervor, so etwa aufg dem Immobilienmarkt.
Gelegentlich wird von einem Auseinanderfallen, gar einer Atomisierung der Gesellschaft gesprochen. Für die großen normsetzenden Organisationen und Milieus mag das gelten – und Reckwitz spricht beinahe nostalgisch vom Verschwinden der sozial angepassten Persönlichkeit (9), des klassischen Kleinen Mannes. Was sich verändert hat, ist die Figuration von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung. Charakteristisch sind z.B. interessenbestimmte Neogemeinschaften und sich immer wieder neu nach jeweils singulären Merkmalen zusammenfügende Teilöffentlichkeiten. Und wer danach fragt: Es wird auch weiterhin Raum für ein sozial angepasstes Leben geben.
Es hat den Anschein, dass die Forderungen der sog. Künstlerkritik, die sich gegen Entfremdung im fordistischen Kapitalismus richtete – Freiheit, Autonomie, Sinn, Authentizität und auch Spaß einforderte – zumindest partiell zu einem Leitbild wurden. Kein entfremdeter Konsum und keine entfremdete Arbeit, sondern kuratierter Konsum und kuratierte Arbeit. Demgegenüber steht die Sozialkritik, die Solidarität, Sicherheit und Gleichheit einfordert.
Merken sollte man sich einige Begriffe und Konzepte: die Valorisierung kultureller Praxis im weitesten Sinne. Valorisierung bedeutet zunächst eine Wertzumessung ästhetischer, ethischer oder körperlich erfahrbarer Art (Einbindung in eine Narration/Storytelling zählt dazu), schließt eine kommerzielle Verwertung aber nicht aus. Man kennt es aus der Markenbildung, von Stadtmarketing, Eventgastronomie etc.
Ebenso Serielle Singularitäten (135) – dieser Begriff kommt bei Reckwitz zwar nur am Rande vor, trifft aber die algorithmisch geschaffenen Singularitäten. Im Plural werden Singularitäten nicht zu Massengütern – sondern zu personalisierten seriellen Singularitäten.

Politische Planungs- und Steuerungsphantasien, wie sie noch die industrielle Moderne prägten, prallen an der Gesellschaft der Singularitäten ab (442), Politik wird immer öfter zur Moderation.

Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin, Oktober 2017, 480 S. ISBN: 978-3-518-58706-5. Interviews in: Die Zeit, 4.10. 2017 u. FAZ am Sonntag, 22.10.2017