10 Gründe … Social Media Accounts zu löschen (Rezension)

25/08/18 kmjan
Im letzten Blogbeitrag 10 Jahre Social Media kam ich bereits auf das Buch von Jaron Lanier zu sprechen.
Zehn Gründe – Bücher sind an sich eine Unterabteilung der Ratgeberbranche. Meist geht es um einen zu unternehmenden, entscheidenden Schritt in der Lebensgestaltung, zu dem dann 10 Gründe abgearbeitet werden.
Was Jaron Laniers  Buch „Zehn Gründe … “ (ganz ausgeschrieben: „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst„) davon heraushebt, ist seine Rezeption. Die internationale, fast noch mehr die deutsche Ausgabe wurde breit in sog. Qualitätsmedien rezensiert, im Guardian, Deutschlandradio, der Zeit, FAZ etc. – und das durchweg positiv. Dazu einige  Interviews, so in der Zeit. Der Verlag Hoffmann & Campe bewirbt Lanier als Tech-Guru und Vordenker des Internet. Bereits 2014 wurde Lanier der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, mehr geht eigentlich nicht.

Zehn Gründe … “ ist ein Rant, eine Art Brandrede, Beschimpfung, Streitschrift nennt es die FAZ, gegen BUMMER (Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent) und es wird wenig ausgelassen. BUMMER meint eine toxische Seite des Social Web und Lanier will den Begriff für das von ihm beschriebene destruktive Geschäftsmodell (41) der Arschloch- Herrschaft einführen, so zieht es sich durch das ganze Buch. Komponenten von BUMMER sind Arschloch- Herrschaft, totale Überwachung, aufgezwungene Inhalte, Verhaltensmodifikationen, ein perverses Geschäftsmodell, Fake People  (39-58).  Harte, aggressive und polemische Worte. Gemeint sind v. a. Facebook und Google, in geringerem Maße Twitter. LinkedIn wird  ausgenommen, die Leute dort haben etwas anderes zu tun, als sozialen Eindruck zu schinden (74; Zufall, dass Lanier für Microsoft arbeitet?). 

Das Buch wirkt schnell heruntergeschrieben, manchmal etwas wirr und ein wenig fremd im feinen Hardcover von Hoffmann & Campe. Vieles lässt sich einfach relativieren: Wenn sich im Internet Leute merkwürdig und boshaft benehmen (45) dann kann das viele Ursachen haben, die in der Person oder der Umgebung liegen. Dass die Ausgaben der digitalen Werbeindustrie dazu dienen unser Verhalten, ähnlich wie TV- Spots zu beeinflussen (37) – eine Selbstverständlichkeit. Medien haben grundsätzlich ein Manipulationspotential. Suchtpotential wurde neu auftauchenden Medien immer wieder vorgehalten. Ist Donald Trump twittersüchtig? Toxisches Medium oder toxische Persönlichkeit?
Alles in allem Darstellungen, die Nutzer als Objekte bis Opfer toxischer Medien und ihrer Betreiber zeigen. Social Media gibt es bereits länger, und es gibt viele Menschen, die seitdem gelernt haben, sie zu ihrem Nutzen und ihrer Zufriedenheit zu führen. 

eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit; Bild: photocase.de/kallejipp

Interessanter als das Buch selber ist die Resonanz und ihre Hintergründe: Das deutsche Feuilleton holt sich einen Dissidenten aus Silicon Valley der dem Durchschnitts- Amerikaner klarmachen will, dass und wie er in den Social Media verarscht wird, so in etwa ließe sich die Resonanz einstufen. Generell gibt es wohl eine Befürchtung des Verlustes von Deutungshoheit, das lässt Fundamentalkritiker von Social Media als Mahner und Warner willkommen heißen.  Spätestens mit der Trump Wahl hat sich zudem der Blick darauf verändert, und richtet sich auf deren Manipulationspotential.  Brachte man 2011 Social Media mit dem Arabischen Frühling in Verbindung, verbindet man sie heute oft mit populistischen Strömungen, die sich in Filterblasen und Echokammern anfeuern. Sicher ist, dass Social Media allen möglichen Strömungen als Infrastruktur dienen. Verstärkt wird das Mißtrauen durch das selbstbewußte Auftreten von Mark Zuckerberg vor den Parlamenten in Washington und Brüssel und insbes. den Cambridge Analytica Skandal  (wird in einem Nachtrag  vermerkt; 9).

Es gibt viele Gründe und Argumente, Social Media Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle – Datensammlung und darauf beruhende personalisierte Werbung – und ihre Machtanhäufung zu kritisieren. Zur aktuellen Diskussion dazu, die in vielem viel weiter ist, trägt „10 Gründe…“ wenig bei. Das Buch ist fixiert auf BUMMER, dreht sich um die Ambitionen des Silicon Valley – und ist selber nicht frei von dessen Größenwahn, wie es in dem Satz „die Welt verändert sich rapide unter unserem Kommando“ (42) durchscheint.

Wäre denn tatsächlich ein Internet ohne Werbewirtschaft denkbar?  Werbung und Marketing gehen dahin, wo die Menschen sind – und sie wollen ihre Zielgruppen mit möglichst wenig Streuverlusten ansprechen. Hätte sich die Werbewirtschaft jemals die Möglichkeiten des Netzes entgehen lassen?  Das gilt nicht nur für Großunternehmen. 

Jaron Lanier: Zehn Gründe, warum Du Deine Social Media Accounts sofort löschen musst. 2018,  204 S.