Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung (Rez.)

Nur alle Jahre wieder erreichen soziologische Titel eine größere öffentliche Resonanz – und noch seltener schaffen sie es in die Charts. Bezeichnenderweise oft solche, die von einem einzelnen Begriff aus das Gefüge moderner Gesellschaft aufrollen: Risikogesellschaft, Erlebnisgesellschaft – und in dem vorliegenden Buch geht es darum Resonanz als Grundbegriff einer Soziologie der Weltbeziehung zu entwickeln. Das Buch erschien vor wenigen Wochen, im März 2016. Autor Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie in Jena. Bekannt wurde er mit seiner Habilitationsschrift zur sozialen Beschleunigung (2004/05: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne). Seitdem wird er oft mit dem Begriff Entschleunigung in Verbindung gebracht.
Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung„- so beginnt das Buch und beabsichtigt ist eine Soziologie des gelingenden Lebens.

Das grundlegende Verständnis ist nachvollziehbar und einfach erklärt: Resonanz macht die Verbundenheit mit der Welt fühlbar und erlebbar. Fehlt sie, fühlen wir uns fremd.

In mehreren Kapiteln geht es um die Fülle der Formen, in denen wir eine Beziehung zur Welt herstellen – von der leiblichen Basis und ihrem Ausdruck (atmen, essen und trinken, Stimme, Blick, Gesicht etc.), der Weltaneignung und Welterfahrung zu kulturell ausdifferenzierten Weltbildern. Es geht um konkrete Erfahrungs- und Handlungssphären, wie Familie und Politik, Arbeit und Sport, und um die Verheißung von Religion und Kunst. Bemerkenswert ist die Einlassung zur Religion als Vorstellung einer antwortenden (d.h. resonanten) Welt (S. 435). In diesem Sinne verspricht Religion die „Gewähr, dass die Ur-und Grundform des Daseins eine Resonanz- und keine Entfremdungsbeziehung ist“ (S. 435).
Generell bedeuten resonante Beziehungen eine Form des In-Beziehung-Tretens, die uns berührt und bewegt, in denen wir aber auch eine Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen. Resonanzachsen bezeichnet die bevorzugte Ausrichtung auf bestimmte Bezugsfelder.

Streben nach Resonanz - Bildquelle: photocase.de- kallejipp

Streben nach Resonanz — Bildquelle: photocase.de- kallejipp

Digitalisierung kommt höchstens am Rande vor, mit dem Stichwort Reichweitenvergrößerung. In einigen aktuellen Interviews äußert sich Rosa skeptisch zu Social Media, bildungsbürgerliche Vorbehalte klingen durch:Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein. Gerade deswegen sind sie so attraktiv, sie gaukeln echte Resonanz aber nur vor“ (web.de, 5.4.16). Resonanz in der digitalen Sphäre bedeutet aber mehr als quantifizierbare Likes und Bewertungsklicks. Online- Medien sind Infrastruktur in einer vernetzten globalen Öffentlichkeit, die eben auch mehr Möglichkeiten zur Bildung von Resonanzachsen bietet.  Unsere soziale Umgebung ist nicht mehr auf eine überschaubare, geordnete Welt beschränkt. Warum sollten nicht z.B. über Gaming resonante Erlebnisse entstehen? Online-Medien werden auch dazu genutzt resonante Kommunikationsstränge aufzubauen und aufrecht zu erhalten. 

816 Seiten sind viel, Weltbeziehung ein weites Feld – und das Konzept der Resonanz ein großer Wurf (Abkehr von Beschleunigung kann hingegen nach Werbung für Wellness- Oasen klingen). Das Buch enthält zahllose diskurswürdige Einzelthemen, die an ebenso viele Themenfelder anschließen. Die These von der Moderne als Geschichte einer Resonanzkatastrophe (S. 517 ff) ist zumindest zu diskutieren. Manchem Leser wird einiges esoterisch erscheinen, letztlich geht es um gefühlte Kriterien, die sich beschreiben, aber nicht messen lassen. Und manchmal hat man auch das Gefühl, das gelungene Leben sei doch in einer Jugendstilvilla zu Hause und spiele auf der Terrasse Klavier …
Spielt Resonanz eine Rolle im Digitalen Wandel? Sicherlich, das Streben nach Resonanz, nach resonanten Räumen und Beziehungen ist zutiefst menschlich und erkundet alle Räume und Möglichkeiten. Wahrscheinlich ist Resonanz genau die entscheidende – außerökonomische – Dimension, auf die es auch im digitalen Wandel ankommt. Wenn von Teilhabe am digitalen Wandel gesprochen wird, geht es im Grunde um Resonanz. Man denke z.B. an aktuelle Diskussionen zu Gamifikation: Geht es darum, spielerisch teilzuhaben – oder um den Zuckerguß auf einer Marketingkampagne?

In einem Interview der NZZ äußert sich Rosa zur Veränderung der ökonomischen Verhältnisse hin zu einer Wirtschaftsdemokratie „Ich suche nach den Konturen einer Gesellschaft, die modern bleibt im Sinne von pluralistisch, demokratisch und auch liberal, die aber nicht auf Wachstum und Beschleunigung angewiesen ist, um den ökonomischen und politischen Status quo zu erhalten. Wenn wir resonante Weltverhältnisse schaffen wollen, müssen wir die Steigerung als blindlaufenden Zwang überwinden.“ (NZZ, 11.3.16) 

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#Consociality – eine #Hashtag Soziologie

drei #Hashtags sollen es sein

Auf Barcamps und anderen nicht ganz so formellen Veranstaltungen ist es ein Ritual: Die Teilnehmer stellen sich mit drei #Hashtags vor, davon oft eines mit beruflichem Bezug, eines persönlicher gesetzt und schließlich eines das Zugehörigkeit ausdrückt, oft eine Form von Fantum. Das soll die Atmosphäre lockern und den Gesprächseinstieg erleichtern.
Das Tagging ist aus SocialMedia vertraut. Twitter hat dem vormals unbestimmten #-Zeichen eine neue Bedeutung verliehen,   die über die Verschlagwortung hinausgeht. Mit dem #Hashtag werden Tweets zu Veranstaltungen, zu Themen, auch assoziativ gebündelt – eine Formatierung öffentlicher Kommunikation. Listen von Trending Topics werden regelmäßig veröffentlicht – und sind ein Gradmesser des öffentlichen Interesses. Manche #Hashtags wurden Zeitgeschichte, #aufschrei, #jesuischarlie oder #EinBuchfuerKai standen für öffentliche Debatten und Solidaritätsbekundungen.
Die meisten Social Media Plattformen kennen die #-Verschlagwortung, so Youtube, instagram, Google+, Facebook. instagram funktioniert in etwa wie Twitter mit Bildern, die Vergabe von Kommentaren ist aber nicht limitiert, was oft zum inflationärem Gebrauch verleitet. Dennoch erschliessen sich darüber Bilderwelten jeglicher Herkunft. Facebook tut sich damit schwerer, #Hashtags entsprechen mehr dem follower- als dem friends-  Prinzip, auf dem Facebook beruht.
Was html-links für das statische Web sind #Hashtags (+ @persönlicher Adressierung) für Social Media – erst sie verbinden die Postings zu einem Ganzen, machen social sozial.

Consocials

Consocials

Das Beispiel oben zeigt die Selbstverständ-lichkeit und Akzeptanz der Übertragung des #hashtag auf das sog. Real Life: Soziale Verortung mit selbstgewählten Attributen. Menschen mit gleichen oder kompatiblen Interessen werden so zusammengeführt. Das bedeutet noch keine Gemeinschaft – es wird aber dann interessant, wenn Plattformen genutzt werden. Übereinstimmungen bzw. Kompatibilitäten werden dann relevant und bieten Möglichkeiten der Kooperation.

Eine begriffliche Entsprechung dazu ist Consociality (oder eingedeutscht Konsozialität) – Übereinstimmung in Merkmalen, Interessen, Ansichten, Leidenschaften – eine Vorstufe von Sozialität. Der Begriff stammt von den schottisch/kanadischen Anthropologen Vered Amit und Nigel Rapport (2002),  Es geht um „what we share„, nicht um Gemeinschaften in denen es Insider und Outsider gibt: ‘first and foremost by reference to what is held in common by members rather than in oppositional categories between insiders and outsiders’ (Amit and Rapport, 2002: S. 59)

Die Vorstellung von Gemeinschaft/Community war immer ein zentraler Gegenstand der Sozialwissenschaften und orientierte sich an Gemeinschaften in denen jeweils eigene kulturelle und soziale Normen wirksam sind bzw. waren. In der angloamerikan. Literatur orientierte man sich oft an Modellen der Ethnicity – nicht nur ethnisch, auch auf andere Gruppen angewandt, bis hin zu gay– oder deaf– Ethnicity. In der Folge wurde der Community Begriff auch zur Beschreibung von Online-Vergemeinschaftungen häufig verwendet, ohne dass dort eine vergleichbare Geschlossenheit gegeben wäre.
Entitäten wie Gemeinschaft und Kultur sind oft instabiler als von der Theorie her gedacht. Kulturelle Kategorien ändern sich in ihrer Bedeutung. Organisationen werden fluider.

Consocials 2

Consocials 2

Consociality lenkt den Blick auf die Möglichkeiten der digitalen Moderne. Personalisierte Vergemeinschaftungen sind dabei die Regel. Anschlußmöglichkeiten haben sich erweitert. Man kann einwenden, dass auch die „fluiden“ Vergemeinschaftungen des vernetzten Individualismus auf gemeinsamen kulturellen Normen beruhen und sich immer wieder aus denselben Milieus rekrutieren – Richtig! Aber es sind Standards bzw. Werte, die als gesellschaftlich verbindlich gelten und nicht Eigenschaften einer partikularen Identität.
Eine wichtige Rolle spielt das Konzept Consociality in der Aktualisierung von Netnographie (2015)  von  R. Kozinets.

Kozinets, Robert V.: Netnography:Redefined. Sage Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015), 320 S., Chapter 2: Networked Sociality (S. 23-52). Vered Amit, Nigel Rapport: The trouble with community: anthropological reflections on movement, identity and collectivity ISBN: 9780 7453 17465;  Pluto Press, London 2002 192 S., 24,- €;

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Innovation & Transformation (Rez.)

InnovationsstauCole_Digi_TRans

Zwei Bücher in denen es um Innovationsfähigkeit, um die „Zukunft Deutschlands als Wirtschaftsnation“ (Cole S. 197) geht.
Es gibt ein oft idealisiertes Bild der deutschen Wirtschaft. Dazu zählen die hidden champions aus der ostwestfälischen oder schwäbischen Provinz, die mit hochspezialisierten Produkten und herausragender Innovationskraft im Weltmarkt vorne stehen. Und es gibt leistungsstarke auf Effizienz getrimmte Konzerne. Zusammengehalten wird das von einer Kultur der Zuverlässigkeit und der Sachlichkeit. Das sichert dem Land Exporte aus der Produktion und den Wohlstand.
Beide Bücher lenken den Blick auf Schwachstellen der Innovationskraft hinter diesem Bild, und sehen sie u.a. in vorherrschenden Unternehmenskulturen und im Umgang mit dem Rohstoff Kreativität.
Digitale Transformation (daneben steht der Begriff Digitaler Wandel, darin sind die kulturellen und gesellschaftlichen Dimensionen einbezogen) ist ein globaler Prozess. Tim Cole bringt die einzelnen zugehörigen Themen, wie Industrie 4.0, Big Data, neue Branchen wie Video- und Musik-Streaming, Cloud Services, 3D- Druck als Fertigungsverfahren und die Customer Journey flüssig zusammen. Weiten Raum nimmt die Darstellung der neuen Rollen von Kunden, Herstellern und Mitarbeitern ein. Industrialisierung der Wissensarbeit ist ein Trend, komplexe Aufgaben werden in einfache Module zerlegt und über das Netzwerk an Personen vergeben, die die dafür notwendige Kompetenz haben (S. 177).
Trotz all dieser Änderungen gelten in der Alltagswirklichkeit oft noch die gleichen starren Regeln – und das sieht er als ein speziell deutsches Problem, an dem Arbeitgeber und -nehmer, Konsumenten und Politiker gleichsam an einer konservativen Mentalität teilhaben. Deutsche Chefs bestehen allzuoft (75% der Firmen verlangen Präsenz) auf Aufsicht und Kontrolle: Ohne Kontrolle keine Produktivität. Schließlich hat „Digitale Transformation“ auch Züge eines Ratgebers. Cole entwirft Scenarios von Marketing, Arbeit und Organisation, am Ende der Kapitel  stehen jeweils „Zehn Fragen, die Sie sich in diesem Moment stellen sollten“ – Checklisten, mit deren Hilfe Entscheider ihren Stand in der Digitalen Transformation prüfen können.

Innovationen sind manchmal einfach da Bildnachweis: kallejipp / photocase.de

Innovationen sind manchmal einfach da Bildnachweis: kallejipp / photocase.de

Jürgen Stäudtner verbindet mit Maschinenbau, Bildender Kunst und BWL Qualifikationen, die man selten zusammen findet. Er macht Ideen- und Innovationsmanagement, rollt  das Thema aus langjähriger Erfahrung auf. Es geht ihm darum, Arbeit und Wirtschaft zielführender zu gestalten, aufzuzeigen, „wie Ideen und Leidenschaft, wie Empathie für den Kunden, der Mut zum Scheitern und zur modernen Vermarktung zu Innovation führen.
Stäudtner bezieht Ansätze wie Open Innovation ein. Er zieht aber auch Schlüsse aus eigenen Beobachtungen in Arbeitsalltag und Produktentwicklung, das macht sein Buch empfehlenswert. 
Als Hemmschuh von Innovation sieht er ein teilweise oligarchisches System: Viele der in Deutschland angesammelten Vermögen sind in den Händen weniger Reicher,  denen es mehr um Erhalt von Vermögenssicherheit und der damit verbundenen Privilegien geht und die meist wenig Interesse an Investition in Innovation haben. Die Deutschen sind stolz auf technisch ausgereifte Produkte mit hohen Umwelt- und Sicherheitsstandards. Da wirkt der offensichtliche Betrug von VW bei den Abgaswerten wie ein Menetekel. Innovationen entstehen dann, wenn man mit Gewohntem bricht.

Einen Gedanken kann man beiden Büchern hinzufügen – und das ist die kulturelle und gesellschaftliche Dimension des Digitalen Wandels. Die wird nicht verschwiegen, aber sie bleiben in der Sphäre der Wirtschaft. Zukunft wird nicht allein von technischer Machbarkeit und ökonomischen Entscheidungen bestimmt. Genauso von der Attraktivät kultureller Muster.
Die Frage warum bisher kein deutsches oder europäisches Unternehmen mit einem der „Großen Vier“ (Apple, Google, Facebook, Amazon) der digitalen Welt mithalten kann, tritt immer wieder auf. Die USA haben Silicon Valley hervorgebracht, wie sie Hollywood hervorgebracht haben:  Ein riesiges Cluster global wirksamer populärer Kultur.
Zumindest drei der Großen Vier haben entscheidende Kulturtechniken der online-Welt, wie wir sie heute kennen, geprägt.  Apple blickt schon auf mehrere Jahrzehnte zurück und blieb einem Grundprinzip treu: Technik sollte intuitiv zu bedienen sein. Im Laufe der Zeit erbrachte dies eine Fülle von Innovationen, die uns heute selbstverständlich sind: den ersten ‚persönlichen Computer‘, die graphische Benutzeroberfläche, die Bedienung der SmartPhones u.v.m.  Kennzeichen all dieser Innovationen ist  plug and play – der direkte Anschluß an die Intentionen der Benutzer – von denen nicht verlangt wurde, sich weiter mit der Technik auseinander zu setzen. Dafür wurde Apple geliebt wie sonst nur Pop- Stars.
Die unprätentiöse Google– Suche machte das Internet erst wirklich als Informationsquelle nutzbar und beendete das Internet der Portale (erinnert sich noch jemand daran?). Facebook hat Social Media nicht erfunden, aber in seiner Form auf der Welt verbreitet. Das alles sind Kulturtechniken, die sich weltweit schnell verbreiteten. Sie vereinfachten und verbesserten die Nutzung der neuen online-Welt  – sie wurden niemandem aufgezwungen.

Tim Cole: Digitale Transformation: Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss! Verlag Franz Vahlen München; 2015, 24.90,  212 S. Jürgen Stäudtner: Deutschland im Innovationsstau: Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen. Books on demand ISBN:978-3-7347-6742-5;  2015, 183 S., 19.95 €;  .

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Handwerkliches Essen in der Digitalen Welt

Genuß steht im Mittelpunkt: Weinmesse in Köln

Genuß und Geselligkeit: Weinmesse Vinsalon Natürel in Köln

Essen und Trinken sind  – zumindest in diesem Teil der Welt –  von der Not satt zu werden befreit. Verfügbar ist alles, was der Markt verlangt – von jeder Herkunft, in allen Qualitätsstufen und Preisklassen.
Die längste Zeit waren Essen und Trinken von den Jahreszeiten und regionalen Traditionen bestimmt. Das Wissen um Eigenschaften, Erzeugung und Verarbeitung der Lebensmittel ist ein kultureller Schatz der von Generation zu Generation weitergegeben wurde. In den letzten Jahrzehnten kam globale Vielfalt hinzu, neue Zubereitungstechniken und die Experimentier- freude mit den neuen Möglichkeiten.
Essen und Trinken wird damit Trends und Moden stärker ausgesetzt, wird zu einem Teil des persönlichen Lebensstils, der genauso nach außen gezeigt wird wie Mode oder Musikgeschmack. Genuß, Gesundheit, Werte wie Nachhaltigkeit, Tierschutz, fairer Handel, und die Bereitschaft angemessene Preise zu zahlen, spielen dabei eine Rolle.
Essen und Trinken sind ein „zentrales Thema der urbanen Alltagskultur„*, weniger auf der HighEnd Ebene der Sterneküche, mehr in den alltäglichen Genüssen: der Qualität von Brot, Gemüse und Fleisch, von Kaffee und Bier, hervorragendem Speiseeis, in der Patisserie und bei der Schokolade –  und dem nun Streetfood genannten Fastfood mit Burgern, Ethno- Food, handgeschnitzten Fritten und einer erneuerten Currywurst.

Vitelottes und Bamberger Hörnchen, handgeschnitzte Fritten

Kartoffelvielfalt: Vitelottes und Bamberger Hörnchen, handgeschnitzte Fritten

Industrielle Produktion sorgt für stabile Versorgung mit Nahrungsmitteln bei standardisierten Qualitäten zu vergleichsweise niedrigen Preisen. Deutschland ist dabei das Land mit dem härtesten Preiskampf. Ein grundlegendes Muster findet sich immer wieder: Vormals zumeist handwerklich verarbeitete Lebensmittel werden von wenigen industriellen Anbietern dominiert – dazu zählen auch Vorprodukte wie Teiglinge, Backmischungen oder Reinzuchthefen. Sorten- und Geschmacksvielfalt geht dabei verloren. Das gilt für zahllose Produkte – auch die Brot- und die Bierkultur mit Reinheitsgebot, auf die man in Deutschland so stolz ist.
Gegenbewegungen gibt es seit langem. Unter dem Vorzeichen genußorientierter Nachhaltigkeit (z.B. Slowfood), in stark vernetzten Szenen, die sich mit Leidenschaft  einem Produkt widmen – gelegentlich als Foodies oder Genußhipster (diese Begriffe haben sich nicht weiter durchgesetzt) bezeichnet. Auch dort kann man immer wieder ein Muster erkennen: Erzeuger, Betreiber und Gründer von Restaurants und Läden, Blogger, Kunden eignen sich Wissen an, sind online und offline vernetzt und verstehen sich als Gemeinschaft, die die Begeisterung für die Produkte teilt. Das entspricht dem Modell der Vergemeinschaftung der Tribes.

Dry aged beef

Dry aged beef

Die Fleischindustrie mit Massentierhaltung ist ein eigenes ethisches Thema, das immer wieder in die öffentliche Diskussion drängt. Brathähnchen zu 2,98 oder ein 1,- € Kotelett können weder nach akzeptablen ethischen wie Qualitätsmaßstäben produziert werden. Fleischkultur bedeutet bewussten Genuß mit höherer Qualität. Sie beginnt mit artgerechter und gesunder Aufzucht, verlangt handwerkliches Wissen vom richtigen Schnitt, zu Reifungsmethoden wie Dry Aged Beef und von der weiteren Fleisch- und Wurstverarbeitung. Dazu gehört die vollständige Verarbeitung des Tieres – nose-to-tail-eating – einschließlich der Innereien.

Trend Craft Beer

Kaum ein anderer Trend zeigt sich derzeit so deutlich wie CraftBeer – das handwerklich gebraute Bier. Ein Trend, der Deutschland erst mit einiger Verspätung erreicht hatte, wahrscheinlich wegen der vergleichsweise hohen Qualität deutscher Standardbiere. Craft Beer bedeutet Biere mit eigenem Charakter.  Mit dem Trend kamen neue Bierstile, wie Indian Pale Ale (IPA), säuerliche Vergärungen nach Art der Brüsseler Gueuze, Fruchtbiere nach belgischem Muster u.v.m.  Es sind oft Sorten mit höherer Stammwürze und damit höherem Alkoholgehalt und es wird viel experimentiert: mit verschiedenen Hopfensorten, Reifung in Barriques, manchmal gewagten Zusätzen (z.B. Obstschnaps, Koffein). Mehr und mehr entstehen auch thekenfähige Versionen mit moderatem Alkoholgehalt.

Essen ist der neue Pop – eine in letzter Zeit wiederholt aufgestellte These: Wer vor dreißig Jahren eine Punkband gegründet hätte, macht heute eine Küchencrew auf. Der Koch als der neue DJ? In der Tat erinnern manche Restaurants an Clubs, bedienen sich Gastro- und Weinkritiker an Popmetaphern. Popmusik war jahrzehntelang ein entscheidender Begleiter von Jugendkulturen und vermittelte immer wieder neue Stimmungen und Erfahrungen. Pop ist heute zwar allgegenwärtig und zitierfähig, die Leitfunktion als Treiber und Ausdruck von Lebensgefühl scheint aber vakant – in einer Gesellschaft, in der höchstens die Großeltern nicht mit Popmusik aufgewachsen sind. Geschmack kann genauso wie Klänge Empfindungen auslösen, macht Stimmungen fassbar, man denke nur an den Effekt der Madeleine bei Marcel Proust. Ein guter Koch bespielt die Geschmacksnerven seiner Gäste.

Was hat die Neue Esskultur mit dem digitalen Wandel zu tun? Zum einen zeitliche und örtliche Nähe. Einige Epizentren liegen nicht zufällig nahe den technologischen Hubs an der amerikanischen West- und Ostküste, oft gibt es personelle Überschneidungen und einen ähnliche Experimentierfreude. Die Einflüsse sind global, regionale und lokale Traditionen spielen aber eine große Rolle.  Italienische Kaffeekultur, belgische (manchmal auch deutsche) Bierkultur standen Pate, Frankreich ist Ausgangspunkt des Vin naturel.Erlebbar ist die Neue Esskultur denn auch in den hippen urbanen Bezirken der digitalen Zentren – mit Ausstrahlung in die Sterneküche.
Das Internet erleichtert die Kommunikation und auch die Vermarktung individualisierter Manufakturwaren: so ist es jetzt z.B. einfacher 10 verschiedene Pfeffersorten zu beziehen. Ein Lebens- und Konsumstil genußorientierter Nachhaltigkeit zeigt sich auch bei anderen Themen.
Selbstverständlich reagieren auch die großen Unternehmen auf neue Trends. Die Marktmacht der Großen v.a. bei Kaffee und Bier wird von Microbrauereien und -röstern kaum angestastet, wirkt sich aber auf deren Angebote aus. Man betrachte das Kaffeeangebot in einem Supermarkt und rufe die Erinnerung ca. 15 Jahre zurück. Anderereits werden Konzentrationsprozesse nicht gleich umgekehrt: Handwerkliche Bäckereien, früher in jedem Dorf und jedem Stadtteil zu finden, werden zu etwas besonderem, Tipps zu Sauerteigbrot und krossen Brötchen nun als solches weitergegeben. Trotz der Trends der Microbrauereien schließen immer wieder auch regional gut verankerte kleine Brauereien.
Was bleibt: Wer einmal guten Geschmack entdeckt hat, wird sich nicht mehr mit schlechtem zufrieden geben. Und wir lieben alle die Geschichten, die uns gutes Essen und Trinken erzählen.

*- so Clemens Niedenthal auf tip.de; Dem Text liegen Gespräche mit Fleischbotschafter Thomas Müller und Alexander Krause, der in Kürze den Online- Shop kostreich.de mit ausschließlich handwerklichen Erzeugnissen deutscher Provenienz eröffnet. Im weiteren aus Ergebnissen der Vegan- Netnographie von Juli 2015, auf anderen Gesprächen und Eindrücken bei Verkostungen etc.

 

WordPress. Version 4.4.2

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Networked Sociality – Ein neues soziales Betriebssystem

NetworkedThe New Social Operating System“ – so bezeichnen die beiden kanadisch/US- amerikanischen Soziologen Lee Rainie und Barry Wellman Networked Individualism, zu deutsch Vernetzten Individualismus, das sich durchsetzende Muster vernetzter Sozialität/Networked Sociality. Der Begriff geht auf Manuel Castells zurück: Netzwerke sind „personalisierte Gemeinschaften„, „das neue Muster der Soziabilität ist durch einen vernetzten Individualismus geprägt“ (Castells 2005, S. 141).
Vernetzter Individualismus ist keine Folgeerscheinung des Internet, die Entwicklung wird aber dadurch angetrieben: „Es ist daher nicht das Internet, das das Muster des vernetzten Individualismus schafft, sondern die Entwicklung des Internet bietet eine angemessene materielle Stütze für die Verbreitung des vernetzten Individualismus als vorherrschende Form der Soziabilität“ (Castells S. 144). Das Internet, seine Plattformen und Social Media machen es einfacher personalisierte Netzwerke zu organisieren.
Networked Sociality ist eine Konsequenz gesellschaftlicher Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte – auf individueller Wahl beruhende Netzwerke gewinnen Vorrang gegenüber traditionellen Vergemeinschaftungen, die meist an den Ort und langfristige Zugehörigkeiten gebunden waren.
Rainie und Wellman sprechen von der Triple Revolution (vgl. S. 11/12): 1) der als Social Network Revolution zusammengefasste gesellschaftliche Wandel (wie oben beschrieben), 2) die Internet Revolution (die Verbreitung und Nutzung vernetzter digitaler Kommunikation) und 3) die mobile Revolution, die das Netz von stationären Geräten löste.

Technologien setzen sich durch

Co-Evolution von Technik und Gesellschaft

Technogenese bedeutet eine Co-Evolution von Technik und Gesellschaft. Technologische Innovationen sind keine isolierten Ereignisse. Technologische Systeme entstehen gesellschaftlich  – und sind von der Kultur geprägt, die sie hervorgebracht hat – sie werden nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt.
Man bedenke, in welch kurzer Zeit (seit Ende 2007) sich das SmartPhone durchgesetzt hat. Innerhalb dieser wenigen Jahre wurde es weltweit zum nahezu unverzichtbaren Werkzeug, das den – weitgehend – permanenten Zugang zum Netz und seinen Ressourcen sichert. In vielen Ländern wurde mit dem SmartPhone die Ära des PC übersprungen. Es dient als private Medienzentrale – und auch Flüchtlingen als Navigator.
Ohne großen weiteren Aufwand kann jeder damit Medien erstellen und verbreiten – nicht nur Text und Bild, auch Ton, Video, Life- Streaming.

Entscheidende Faktoren sind Konnektivität und PersonalisierungKonnektivität bedeutet die Möglichkeit, dass jeder Teilnehmer des Social Web sich mit jedem anderen verbinden kann. Jeder kann Sender und Empfänger, Kunde und Anbieter oder auch etwa Lehrender und Lernender sein, Leistungen unterschiedlichster Art anbieten oder nachfragen.
Personalisierung (oder besser: die automatisierte Personalisierung) bedeutet die „maßgeschneiderte“ Anpassung von Angeboten. Maßgeschneiderte Personalisierungen erfordern Daten. Wir kennen es aus dem Online-Marketing und vielen anderen Beispielen. In der Diskussion zur digitalen Bildung wird sie thematisiert, im Gesundheitssystem und anderswo. Das Verfügen über große Mengen an Daten bedeutet Macht und erklärt den Einfluß der großen Internetunternehmen. Daten und automatisierte Personalisierung sind ein Treibstoff wirtschaftlicher Entwicklung, aber auch Gegenstand der umfassendsten Diskussionen im digitalen Wandel – darauf  näher einzugehen, würde den Rahman sprengen. Verweisen möchte ich auf das Buch von Michael Seemann –  „Das Neue Spiel„.

Plattformen bieten die Infrastruktur für Interaktion und Koordination  – ein weiteres umfangreiches Thema. Hinzu tritt die Query als Instrument der Datenabfrage: entscheidend ist nicht die aufgezeichnete Information, sondern deren Abfrage. Es ist das, was Michael Seemann als die Organisationsmacht der Query bezeichnet. Die Query ist die Abfrage an eine Datenbank zu zutreffenden Matchings. So können Ressourcen verknüpft und koordiniert werden. Etliche  Geschäftsmodelle beruhen darauf: So funktionieren Uber und AirBnB, Peer-to-peer Credit, Dating Apps und unzählige andere. Diese Plattformen vermitteln standardisierte Transaktionen von Anbieter zu Abnehmer, jeder kann Sender und Empfänger, Verkäufer und Kunde sein.
Ähnlich ist die Verknüpfung über gemeinsame Merkmale, Interessen, Leidenschaften – in der Sprache des Social Web ein gemeinsamer #hashtag. Für die Verbindungen, die dadurch entstehen gibt es bereits den Begriff consocial – oder, wenn wir in deutscher Schreibweise bleiben wollen, konsozial. Darüber entstehen Vergemeinschaftungen von Menschen, die über gemeinsame Interessen und Leidenschaften zusammengehalten, oft Tribes genannt. Es sind kleine soziale Einheiten, auf denen vieles im sozialen Geschehen beruht. Und sie sind es, die die „Trampelpfade“ im Social Web austreten. Entscheidend ist die gefühlte Gemeinschaft.

Mit Digitaler Transformation wird „der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten„. (S. 159 Kreuzer & Land) – ein Anwendungsfeld von Change Management.
Unter Digitalem Wandel können wir hingegen den gesamten gesellschaftlichen Prozeß, der mit der Digitalisierung einhergeht, verstehen. Das erfordert neben den ökonomischen v.a. soziologische Erklärungsmodelle – so den Vernetzten Individualismus und das Bild des Neuen Sozialen Betriebssystems. So lassen sich technologische Entwicklung und gesellschaftlicher Wandel zusammenführen. Die langfristige Entwicklung, lässt u.a. auch mit der Sozologie von Norbert Elias beleuchten.

Dazu die auf der NextAct am 19.02.16 gehaltene Präsentation

 Manuel Castells: Die Internet-Galaxie: Internet, Wirtschaft und Gesellschaft, 2005 (Orig.: The Internet Galaxy: Reflections on the Internet, Business, and Society, 2001), 300 S. Wiesbaden 2005; Kozinets,Robert V.: Netnography:Redefined. SAGE Publications Ltd; Second Edition edition (July 24, 2015), 320 S.Lee Rainy & Barry Wellman (2012) Networked: The New Social Operating System. Cambridge, MA and London: MIT Press; Michael Seemann: Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust. 256 S. Orange Press, Freiburg 2014, gebunden 20,-€ /28 ‚- SF; E-Book 5,- bei iRights-Media  Ralf T.Kreuzer & Karl-Heinz Land .: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus. Köln,2015, 198 S

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Dematerialisierung und digitale Transformation (Rez.)

Dematerialisierung„Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus“ ist das zweite Buch des Autorengespanns Ralf T. Kreuzer & Karl-Heinz Land zum „Digitalen Darwinismus“ – der Leitbegriff meint den Selektionsprozeß, der Unternehmen und auch ganze Branchen trifft „wenn sich Technologien und die Gesellschaft schneller verändern als die Fähigkeit von Unternehmen, sich diesen Veränderungen anzupassen“ (S. 23). Vorausgegangen war 2013 „Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke. Das Think!Book„.
Erklärte Absicht der Autoren ist Agenda- Setting auf Entscheider- Ebene. Das Buch entstand um „Politik und Wirtschaft nachhaltig für die Notwendigkeit der digitalen Transformation zu sensibilisieren und robuste Schritte auf dem Weg der digitalen Transformation herauszuarbeiten„.

Die Ausführungen in sechs Kapiteln folgen 17 eingangs formulierten Kernthesen (S. 20/21). Kurz: Alles, was digitalisiert/automatisiert werden kann, wird auch digitalisiert/automatisiert; physische Produkte werden durch digitale Lösungen ersetzt, dematerialisiert,  auch kognitive Arbeitsprozesse. Jedes einzelne Unternehmen wird zum digitalen Unternehmen. Die mit der Dematerialisierung einhergehende „schöpferische Zerstörung“ wird aber nicht ausreichend Arbeitsplätze schaffen.
Dematerialisierung verläuft oft disruptiv, d.h. disruptive Innovationen brechen die Entwicklungslinien auf und verändern die Spielregeln, ersetzen bestehende Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. In vielen Branchen ist das bereits geschehen, am augenfälligsten bei der Digitalisierung der Medien – man denke an die Musikindustrie und den Wandel der Tonträger. Andere, uns selbstverständliche Dinge werden folgen: z. B. Bargeld (das ist aber eine politische Frage), Schlüssel, die wir bereits als dematerialisierte Zahlungs- oder Schließungssysteme kennen. Treiber der Dematerialisierung ist aber insbes. die Skalierbarkeit digitaler Lösungen. Technologien, die Verbesserungen mit sich bringen, setzen sich durch – und sie haben zu allen Zeiten das Leben verändert.

Wandel ist immer

Wandel bedeutet den Wechsel eingefahrener Systeme  Bild: läns / photocase.de

Es ist ein Buch zum querlesen und nachschlagen: der Lesefluss wird über die zahllosen fettgedruckten Hervorhebungen gelenkt. Auf fast jeder Doppelseite sind in Merk– und Think- Boxen Merksätze zu allen behandelten Inhalten zusammengefasst. Hinzu kommt eine Fülle von Graphiken, die im relativ kleinen Buchformat oft etwas eingezwängt wirken. Egal, wo man es aufschlägt, man ist immer mittendrin in einem Thema. Das Buch besticht durch seine Materialfülle – fast alle Themen, über die in den letzten Jahren zur Digitalisierung diskutiert wurde, kommen vor: Das Internet der Dinge und die Verbreitung von Sensoren, Arbeit 4.0., MOOCs aus der Thematik digitale Bildung, selbstfahrende Autos, die sog. Sharing Economy und vieles mehr. Dazu werden auch betriebswirtschaftliche Grundlagen, wie etwa die Senkung der Grenzkosten, erläutert.
Die Autoren sind Professor für Betriebswirtschaft bzw. Inhaber einer Unternehmensberatung. Aus dieser Perspektive ist das Buch geschrieben und das Konzept Digitaler Darwinismus lässt sich so verstehen: Unternehmen, Branchen und ganze Volkswirtschaften, die die Digitalisierung verpassen, werden verschwinden wie einst die Dinosaurier. Digitale Transformation ist die unvermeidliche Aufgabe – und die erfordert ein Change Management.  Dabei werden durchaus die Aktivitäten und Leistungsangebote der eigenen Strategieberatung Neuland herausgestellt – Sachbuchautoren empfehlen sich generell als Experten. Eine Zielgruppe sind die (oft umschwärmten) hidden champions des Deutschen Mittelstandes.
Vielen Kapiteln sind Sinnsprüche vorangestellt – Buddha, Goethe, Oscar Wilde, Walt Disney sind dabei und auch das kölsche Grundgesetz wird zitiert. Einen davon könnte man dem gesamten Buch voranstellen: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert“ – aus „Il Gattopardo“ von Tomaso die Lampedusa (bekannt durch die Verfilmung von L. Visconti). Gemeint sind spezielle Eigenschaften und Tugenden der deutschen Wirtschaft: Fähigkeit zu Komplexität und systemischen Denken, letztlich Zuverlässigkeit und eine exzellente Reputation als Land insgesamt und als Leistungspartner (S. 93).

In der allg. Diskussion werden die Begriffe Digitale Transformation und Digitaler Wandel oft unscharf nebeneinander gebraucht. Kreuzer & Land definieren Digitale Transformation als Ziel eines Change Management: damit wird „der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten„.  (S. 159)
Unter Digitalem Wandel können wir hingegen den gesamten gesellschaftlichen Prozeß, der mit der Digitalisierung einhergeht, verstehen. Das erfordert neben den ökonomischen v.a. soziologische Erklärungsmodelle – etwa dem Vernetzten Individualismus.
Hat man sich ausgiebig mit „Dematerialisierung….“ befasst, wird deutlich, dass sich die Art und Weise wie sich Unternehmen, wie auch einzelne Menschen organisieren geändert hat: alle greifen auf eine ständig verfügbare Infrastruktur zurück, die mit dem jeweils erforderlichem verbindet. Dazu passt das Bild von der Playlist  als Organisationsform ebenso wie die Auffassung vom Neuen Sozialen Betriebssystem.

Ralf T.Kreuzer & Karl-Heinz Land .: Dematerialisierung – Die Neuverteilung der Welt in Zeiten des digitalen Darwinismus. Köln,2015, 198 S.

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Transformatorische Helden

Jedes Zeitalter hat seine Helden, seine Leitfiguren.  Kürzlich starb David Bowie, wenige Tage nach dem Erscheinen von Blackstar, dem letzten Album. Pop zählt zur kulturellen Prägung mittlerweile (fast) aller Altersgruppen und Bowie hatte Popkultur 50 Jahre lang entscheidend mitgeprägt, als Sänger und Performer, in Filmen und in der Mode. Manche seiner Songs, wie Heroes und Space Oddity zählen zu den bekanntesten überhaupt. Kein Wunder über den weitreichenden Nachhall auf allen Kanälen. The Independent titelte: How a master of invention changed British culture for decades. Auffallend sind die oft sehr persönlichen Stellungnahmen in Blogs und Social Media, die in die Frage münden „Was hat David Bowie für mein Leben bedeutet?“ – In dem Maße hat mich die Reaktion nur an einen anderen Trauerfall erinnert: dem von Steve Jobs im Oktober 2011.

Die Kraft der Pose

Ch Ch Ch Changes – Die Kraft der Haltung

Andere Größen der Popkultur (z.B. Bob Dylan) verbindet man nur mit bestimmten Zeitspannen – spätere Werke sind deren Nachhall. Das Besondere an Bowie ist die Präsenz über 50 Jahre Pop in immer wieder neuen Inszenierungen und Stilen, das visuelle gleichviel bedeutend wie der Sound. Bowie machte androgynen Glamrock, Disco und Soul,  war mit Queer Culture, mit Andy Warhol und Lou Reeds Transformer verbunden, beeinflußte Punk und BritPop, war dandyesker Kultstar und Mainstream. Bowie in Berlin ist ein Mythos, dem die Stadt den Eintrag auf der Landkarte des Pop verdankt – und das Image of the cool.
„David Bowie hat die Welt zu einem annehmbaren Exil für alle Andersartigen gemacht.„* Fangeschichten begannen oft mit einer frühen Begegnung im Alter von 13, 14 Jahren mit dem Gefühl verstanden zu werden, und wurden zu einem Soundtrack, der das Leben begleitet. „David Bowie hat in meinem Leben ein Feuer entfacht, das ewig brennen wird. Deshalb gebührt ihm größter Dank*. „What for me is important is how Bowie helped me discover myself, my female side, my vulnerability and the freedom of the imagination„.** – Typische persönliche Rückblicke auf Bowie. Nicht für alle – manchen ist der Bowie der 80er als Popper mit der Föhnfrisur in Erinnerung.
Pop besteht in der Haltung als Einheit von  Auftritt, Stimme und Stil, mit der man im Leben besteht (bzw. will), und das bedeutet Selbstermächtigung. Nach diesem bei D. Diederichsen entlehnten Gedanken  war Bowie einer der wirkungsmächtigsten Künstler des Pop. 

Another Hero

Was soll Steve Jobs in einer Reihe mit David Bowie? Zu seinem Tod gab es ähnliche Reaktionen: „Was hat Steve Jobs für mein Leben bedeutet?“ Apple war lange Zeit die eine Firma, die Fans als Kunden hatte und wahrscheinlich überschneiden sich beider Fans in der kreativen Klasse (oder die sich dafür hält) beträchtlich. Mit Jobs sind jeweils bahnbrechende Innovationen des digitalen Zeitalters verbunden, die so sehr in unser Leben passten, dass sie nach kurzer Zeit selbstverständlich wurden: der Ur-Macintosh mit graphischer Benutzeroberfläche und Mouse, später der iPod, der die Verbreitung von Pop veränderte, das iPhone/SmartPhone und iPad/Tablet-Computer. Kennzeichen all dieser Innovationen war plug and play – der direkte Anschluß an die Intentionen der Benutzer – von denen nicht verlangt wurde, sich weiter mit der Technik auseinander zu setzen.
Bowie und Jobs stehen in der Reihe – sehr erfolgreicher  – moderner Heroen (immerhin Multi-Millionäre). Bowie gilt dabei als ein Held des Wandels und des Sich-Selbst-Neuerfindens, des „turn and face the strange„. Auch Jobs nahm „be different“ für sich in Anspruch – und beide stehen heute für eine heute tonangebende Kultur. Eine Kultur, die Wurzeln in der Auflehnung gegen hierarchische Systeme hat – aber genauso ihre wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten umarmt. Natürlich steht niemand für sich allein als Urheber  gesellschaftlicher und kultureller Innovation  – aber diese werden an den Performern festgemacht.

*- Benjamin Lebert in der Zeit „Für die Außerirdischen unter uns“ 12. Januar 2016 + Kommentar dazu; ** independent.co.uk Kommentar 13.01.2016 

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Digitale Bildung

Alles was sinnvoll digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert. Das gilt für Medienformate, wie für Dienste und Branchen, die darauf zurückgreifen. Digitaler Wandel ist technologischer und gesellschaftlicher Wandel, eine Medienrevolution, die höchstens mit der Einführung des Buchdruck vergleichbar ist. Es gibt unzählige Möglichkeiten Wissen zu verbreiten – Bildung ist es, der Wissensvermittlung eine Form zu geben.  Genau wie die Zukunft der Arbeit ist die Zukunft der Bildung eines der ganz großen Themen der Digitalisierung. Digitaler Wandel kann in einigen Fällen disruptiv sein und bestehende Angebote verdrängen, kann aber auch eine langfristige Entwicklung bedeuten.

Jeder ist Sender und Empfänger

Jeder ist Sender und Empfänger – und kann auch Lehrender und Lernender sein

Entscheidend sind zwei Möglichkeiten. Die Konnektivität: Jeder Teilnehmer des Social Web kann sich mit jedem anderen verbinden. Jeder kann Sender und Empfänger, Kunde und Anbieter – und auch Lehrender und Lernender sein. Die minimal nötige technische Ausstattung ist nahezu weltweit verbreitet und braucht kaum jemandem mehr  erklärt zu werden. Kommunikation im Netz ist längst nicht mehr an die Schriftform gebunden, sondern in weiten Teilen visuell. Videos, Podcasts und Life- Streaming können mit einfachen Mitteln erstellt und verbreitet werden. Erklärvideos, im Bildungsbereich oft zu Mathematik, beruhen darauf. Gut gemachte Videos ersetzen z.B. unzählige Nachhilfestunden.
Und es gibt die Möglichkeit der Personalisierung: ein Verteiler von Bildungsangeboten kann maßgeschneiderte Angebote erstellen. Ohne persönliche Daten ist Personalisierung aber nicht zu haben – genauso wenig wie ein maßgeschneiderter Anzug ohne Maße. 
E-Learning
zählt seit ca. 20 Jahren zu den verbreiteten Lernangeboten, anfangs oft mit Lern- CDs, mit dem schneller werdenden Internet online. Blended Learning verbindet online mit Präsenzveranstaltungen. Zumeist bedeutet es didaktisch aufbereitete, in Weiterbildungsangebote integrierte Lehrinhalte. Dabei wird sehr oft die (open source) Lernplattform Moodle genutzt.
Was unterscheidet die aktuellen Trends bzw. die neueren  Möglichkeiten der digitalen Bildung davon? „Klassisches“ E-Learning findet meist in geschlossenen Lerngruppen mit begrenzter Teilnehmerzahl statt. „Digitale Bildung“ richtet sich potentiell an eine unbeschränkte Nutzerzahl. Das gilt für die Erklärvideos, wie auch für Moocs – Massive Open Online Courses – für die online Verbreitung aufgezeichnete Vorlesungen, wie sie zunächst von Sebastian Thrun (Vizepräs. von Google, ehem. Prof. für KI in Stanford, Gründer der Online Akademie Udacity) – entwickelt worden sind.

In der Diskussion

In der Diskussion

Eine eingängige Einführung und Zusammenfassung aktueller Entwicklungen bietet „Die Digitale Bildungsrevolution“ von Jörg Dräger (Vorstandsmitglied der Bertelsmann- Stiftung, ehem. Bildungssenator in Hamburg) und Ralph Müller-Enselt. Mit Begeisterung vertreten die Autoren ein Leitbild Zugang für jeden und Personalisierung für alle – und sehen darin eine Demokratisierung wissenschaftlicher Bildung. Moocs stehen dabei im Vordergrund und bisher haben sich mehrere Millionen Nutzer zu solchen angemeldet, hauptsächlich in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern.  Sicherlich ist die digitale Öffnung bislang limitierter Hochschulbildung insbesondere im kostenpflichtigen Bildungssystem der USA eine Innovation – und Moocs bieten einige Vorteile gegenüber Massenveranstaltungen in Hörsälen. Genauso erschliessen sie Unternehmen talentierte Mitarbeiter minder privilegierter Herkunft, das pakistanische Mädchen mit dem Berufsziel Physikerin ist da ein beliebtes Beispiel.  Personalisierung für alle bedeutet einen hohen Datenbedarf – in den Händen der Bildungsanbieter. Die Autoren thematisieren die Problematik und fordern gesetzliche Regelungen zur Datensouverainität. Dazu ’neigen digitale Märkte zu Monopolen‘ (s. S. 171).

Ob mit Moocs und personalisierten Angeboten bereits eine Bildungsrevolution beginnt, sei dahingestellt. Besonders bei der Personalisierung schimmert für mich eine Art ‚wohlmeinender Bevormundung ‚durch. Bildung ist vieles: ein riesiger Markt mit zahlreichen Akteuren mit jeweils eigenen Interessen, ein öffentlich finanziertes, zumindest reguliertes System, sie ist ein Teil der Arbeitswelt, sie ist informeller und institutioneller Wissens- und Befähigungserwerb. Letztendlich ist jede Bildung eine Frage menschlicher Kommunikation und sie ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung – nur selten führt sie bruchlos zu einem vorgesehenen Ziel. Zu allen Zeiten dienten Bildungsinstitutionen auch der Vermittlung eines jeweils speziellen Habitus – der Einheit von Haltung, Auftreten, Sprache und Geschmack – oft war es dieser Habitus, der den beruflichen Erfolg garantierte. Digitale Technik ermöglicht uns neue Kommunikationsformen und sie nimmt uns standardisierte Arbeit ab. So wird sie auch den Bildungsbereich immer stärker durchdringen. Warum sollte sich nicht jeder Teilnehmer an Bildungssystemen eigenständig Bildungsumgebungen zusammenstellen können?

Dräger, Jörg & Müller-Eiselt, Ralph.: Die Digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können, 2015, 240 S. –  Dem Beitrag liegt außerdem ein Gespräch mit Pirmin Vlaho, Gründer im Bereich Bildungsmanagement, zu Grunde



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